360°

„Your Net“ 2015 = „Your Sex“ 2015?

Bei der „Your Net“- Konferenz soll vor allem jungen Mediennutzern ein verantwortungsbewusster und selbstschützender Umgang mit dem Internet vermittelt werden. Es geht darum, Fragezeichen zu löschen und viele Ausrufezeichen rund um die Themen Datenschutz, Medienrecht, Internetsucht etc. zu hinterlassen. Diese kostenfreie Tagung wird  in unregelmäßigen Abständen vom Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) veranstaltet. Die gemeinnützige Gesellschaft (GmbH) wurde im Jahr 2011 von der Deutschen Post AG und dem damaligem Gründungsschirmherrn Bundespräsident Joachim Gauck, mit dem ausdrücklichen Ziel vertrauliche und sichere Kommunikation im Internet zu fördern, gegründet.

Das hört sich erstmal ziemlich zäh an. Genau das Gegenteil war der Fall!

In Juni diesen Jahres wurden medienbegeisterte Schüler und Studenten ab 16 nach Hamburg eingeladen, um an Workshops und Podiumsdiskussionen rund um die Themen Internet, Sicherheit, Datenschutz und Mediengesetze teilzunehmen – für lau. Hin- und Rückfahrt, sowie Hotel, Catering und Gratis-Alkohol auf der Get-together-Party wurden von der DIVSI übernommen. Dieses Angebot hörte sich so verlockend an, dass es von hunderten jungen oder auch schon älteren Mediennutzern herzlich gerne angenommen wurde.

Die Get-together Party

Donnerstagabend: Die Veranstaltung fand im BeachHamburg statt, einer Location im Herzen der Hansestadt, die für zahlreiche Events wie Party, Sport und Hochzeiten gebucht werden kann. Der erste Eindruck der mit weißem Sand befüllten Halle war beeindruckend. An jedem Ende stand eine großzügig mit Bier bestückte Bar und das umfangreiche, in langen Reihen angeordnete Catering wartete nur darauf, von den rund 300 Besuchern überfallen zu werden. Eine riesige Bühne, die inmitten der Halle thronte, versprach Großes.

Nach der ersten Euphorie kamen jedoch so langsam Zweifel auf: Warum das Ganze? Wo ist der Haken an der ganzen Veranstaltung? Wie kann die Deutsche Post sich das leisten? Diese Fragen wurden leider auch vom DIVSI Direktor Matthias Kammer nicht beantwortet. Die einzige Aussage die er traf war, dass einige sich die Veranstaltung hätten nicht leisten können, wenn sie kostenpflichtig gewesen wäre… Sehr nett und großen Dank, aber eine Antwort auf die Fragen ist das leider nicht.

Das Buffet wurde eröffnet, die Bars gestürmt und der Abend startete in sein Rahmenprogramm. Alles begann mit Samira – einer halbnackten, lasziv tanzenden Dame die an einem Trapez von der Decke baumelte. Später folgte eine noch nacktere, noch laszivere Poletänzerin, Helena, die an einer Stange hängend ihre bemerkenswerte Dehnbarkeit zur Schau stellte. Dieses „sex sells“ Programm wurde von einem recht bedeckt gekleideten Diabolospieler und einem jungen Mann, der einschläfernde 15 Minuten sein Segelflugzeug durch die Halle kreisen lies, unterbrochen. Das große Finale gehörte jedoch nur ihr – Jean Pearl – einer nicht ganz naturbelassenen, jungen Dame, die durchaus musikalisches Talent besaß, aber leider bei dieser Veranstaltung fehl am Platz wirkte. Die jungen Gesichter waren von Jean Pearls Auftritt in der Band Dynavibe begeistert, die älteren standen jedoch kopfschüttelnd im weißen Sand.

YourNet-Hamburg-2015_17_Web

Wie kann man auf einer Veranstaltung, die sich um Sicherheit und Vertrauen unserer Jugend kümmern sollte, ihnen genau das vor die Nase setzen, vor dem wir sie schützen wollen? Kleidergröße 32, Brüste unproportioniert zu groß, die Lippen aufgespritzt – sollte das wirklich eine Traumvorstellung unserer Jugend sein? Jean, Samira und Helena scheinen eine stereotypische, künstliche Filterwelt darzustellen, die man jeden Tag im Internet finden kann und von der man doch immer seinen Kindern sagt, dass das nicht die reale Welt ist. Und auf einmal stellt man ihnen diese surreale Welt auf einer DIVSI (Vertrauen uns Sicherheit) Veranstaltung vor die Nase…

Der Tag der Konferenz

Freitag: Erst Frühstück im A&O Hostel, mit den Bussen zurück in die Strandhalle, wo auch schon wieder Snacks und Getränke (heute nur alkoholfrei!) warteten. An jeder Ecke des Geländes waren kleine Zelte aufgebaut, die auf die Teilnehmer der Workshops warteten. Die Tanzfläche wurde bestuhlt, sodass jeder Platz fand, der den Podiumsdiskussionen über Social Media und Mediengesetze beisitzen wollte. Jeder Mitarbeiter, ob „nur“ Platzeinweiser, Securtitymann, Barservice oder auch die Dozenten der Workshops, war überaus freundlich und stand immer mit einem warmen Lächeln bereit, um jegliche Fragen zu beantworten. Natürlich gab es an diesem frühen Freitagmorgen auch die ein oder anderen Alkoholgeplagten, die es sich schon am Morgen im Sand gemütlich machten, um ihrem Kater nachzugeben.

Diejenigen die wollten hatten jedoch vielerlei Möglichkeiten den Tag zu verbringen – sich zu informieren, Fragen zu stellen oder gar die Augen geöffnet zu bekommen. Der Hacker/Computerfachmann/Experte für Computersicherheit Tobias Schrödel zeigte vor Ort auf beindruckende Weise, wie einfach es doch ist, sich in jegliches Device einzuhacken. Zudem waren einige renommierte Dozenten und Persönlichkeiten anwesend, wie beispielsweise Professor Doktor Tobias Keber, der Dozent für Medienrecht an der HdM Stuttgart, Dr. Florian Drücke, der Vorsitzender des Bundesverbandes der Musikindustrie oder Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die im Lösch-Beirat von Google sitzt. Jeder von ihnen war bereit und engagiert, das persönliche Wissen mit den Medieninteressierten zu teilen.

Was kann man nun abschließend sagen?

Waren die zwei Tage eine aufschlussreiche Medienveranstaltung oder eine nette Idee, die durch viel nackte Haut in Erinnerung bleiben wird? Die „Your Net“ 2015 könnte in der Tat als „Your Sex“ 2015 bezeichnet werden, aber es war ebenso eine aufschlussreiche Informationsveranstaltung. Jegliche „Interessen“ wurden befriedigt: Sex, Alkohol, aber zum Glück auch Informationsaustausch,  Ideenfindung und  neue medienbezogene Bekanntschaften, die vielleicht auch zu neuen Projekten führen werden.

Ob es eine „Your Net“ 2016 geben wird, konnte Matthias Kammer nicht beantworten – er wolle, dass die Veranstaltung eine Besonderheit bliebe, deswegen könne er eine „Your Net“ 2016 nicht versprechen, wie er in der finalen Moderation mitteilte. Wenn in zwei, drei oder gar fünf Jahren die Einladung zur Your Net 20xx wieder eintrudelt, wäre die Antwort bestimmt erneut JA – unter gewissen Bedingungen: „Lieber Herr Kammer, die Idee von „sex sells“ ist aus wirtschaftlicher Vermarktungssicht bestimmt eine sehr lukrative Struktur – jedoch NICHT auf einer Veranstaltung rund um die Themen Vertrauen und Sicherheit im Internet für die Zielgruppe zwischen 16(!) und 20 Jahren. `Wissen sammeln. Fragen stellen. Meinungen bilden.´ – das war der Slogan der „Your Net“ 2015. Glauben Sie mir: Unsere Köpfe brummen, viele Fragezeichen zum Rahmenprogramm stehen im Raum und ohne Meinung über die „Your Net“ 2015 sind wir bestimmt nicht nach Hause gegangen. Aber, bitte, Herr Kammer denken Sie das nächste Mal bei der Organisation daran: Manchmal ist weniger mehr!“

1 Kommentare

  1. Karolin sagt

    „Ich weiss, dass ich alleine die Welt nicht retten kann, aber ich kann versuchen sie zu einem besseren Ort zu machen.“ Schön Leo, go vegan 🙂

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