360°

Wo sind eigentlich die Subkulturen geblieben?

In den vergangenen Jahrzehnten, der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, haben sich Jugendliche als Mitglieder einer Subkultur von der Massenkultur abgegrenzt, sich somit individualisiert und eine eigene Identität gebildet.
Wie sieht das heute aus? Kann sich eine Gruppe in der Gesellschaft durch Verhalten und Konsum wirklich noch von der Masse abgrenzen? Ist inzwischen nicht alles schon einmal da gewesen, von der Massenkultur vereinnahmt im Sinne von Simon Reynolds „Retromania“ nur noch die bloße Wiederholung des bereits Dagewesenen? Wenn die Abgrenzung von der Gesellschaft, von der Masse, nicht mehr möglich ist, wo bleibt dann die Individualisierung, wo bleibt dann noch die Möglichkeit eine eigene Identität herauszubilden?

Massenkultur, Subkultur – was ist das eigentlich?

Bevor man die Frage stellt, ob heute noch Subkulturen existieren, sollte man sich zunächst einmal über ein paar Begrifflichkeiten klar werden. Subkulturen grenzen sich von der Massenkultur ab – klar – aber was ist eigentlich eine Massenkultur?

Massenkultur beschreibt ein Phänomen der Moderne, in der durch Industrialisierung und Technologisierung eine internationale Kultur von Freizeit-, Konsum- und Medienwelten entstand. Dabei handelt es sich nicht um eine Hochkultur der Kunst, einer Elite der Gesellschaft, sondern um eine Kultur des Alltags, der breiten Masse. Wer die massenmedial verbreiteten Angebote und Produkte der Massenkultur, wie z.B. Kino, Fernsehen, Mode, Zeitungen, Esskultur und Werbung nutzt, ist automatisch Teil dieser Massenkultur, da er durch die Rezeption eine ähnliche Vorstellung über Glaube, Kunst, Moral, Gesetze, Sitten und Gewohnheiten wie die anderen Rezipienten vermittelt bekommt. Wie der Name bereits sagt, definiert sich die Massenkultur hauptsächlich durch die Menge, die Masse der Rezipienten. Die Massenkultur repräsentiert somit also immer die breite Masse einer Kultur und bestimmt dadurch die Normalität. Alles was nicht irgendwie von der breiten Masse akzeptiert oder rezipiert wird, liegt außerhalb dieser Normalitätsgrenzen.

Genau durch diese Funktion der Normalisierung ist auch definiert, was eigentlich eine Subkultur ist, nämlich eine Kultur, die teilweise von der Normalität abweicht. Eine Gegenkultur, eine Widerstandsbewegung, eine Opposition.

Grundsätzlich gibt es keine Kultur ohne Gegenkultur“ (Walter Bühl (1986): Kultur als System)

So gesehen sind Subkulturen also ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft und notwendiger Gegenpol, um überhaupt von einer Kultur sprechen zu können.

Subkultur wird häufig auch mit Jugendkultur gleichgesetzt, denn vor allem Jugendliche versuchen sich von der Gesellschaft und der Elterngeneration abzugrenzen. Häufig eben auch mit dem Ziel die Gesellschaft zu verändern, sie in ihren Augen zu verbessern, nicht die selben Fehler wie die Generationen vor ihnen wieder zu machen. Doch nicht jede Subkultur hatte solch idealistische Ziele. Um weiter zu definieren was eigentlich eine Subkultur ist, lohnt es sich jedoch zunächst einmal einen Blick in die Geschichte zu werfen.

Eine kurze Geschichte der Subkulturen

Wir befinden uns im Jahr 1950. Der zweite Weltkrieg ist vorbei, die Demokratie hat gesiegt und in den USA bricht dank dem Wirtschaftswunder der Wohlstand aus. Zum ersten Mal in der Geschichte entsteht eine jugendliche Generation der 18- bis Mitte 20-Jährigen, die nicht sofort nach der Ausbildung arbeiten müssen, deren Leben nicht vorbestimmt ist, die viel Freizeit haben, und viel Geld um diese zu gestalten. Diese sogenannten Teenager haben den Bedarf nach etwas Neuem, einer neuen Musik, einem neuen Lebensgefühl, einem neuen Lifestyle.

Dieses „Neue“ tritt in Form von Rock ́n ́Roll auf, der ersten Subkulturbewegung, der ersten Gegenbewegung gegen das Establishment, gegen den Main, gegen die konservativen Werte der Elterngeneration. Wer dazugehörte war cool und beliebt, war Teil einer neuen Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft definierte sich nicht nur durch neuartige, wilde, rebellische, „anzügliche“ Musik, sondern auch durch Einstellung, Stil, Mode, Tanz, Selbstinszenierung und Verhalten. Doch auch die Mitglieder der Rock’n’Roll-Bewegung wurden bald zu einer großen Masse, und die neue Musik und die neuen Werte schnell durch die gerade entwickelten Medien Transistorradio und Fernsehen verbreitet. Der Teenager wurde von den Massenmedien und der Kulturindustrie entdeckt und verwertet.

So wurde die Subkulturbewegung von der Massenkultur vereinnahmt, Rock’n’Roll zum Mainstream und Elvis Presley zum ersten Superstar. Doch auch gegen den Rock’n’Roll konnte sich aufgelehnt werden, auch hier konnten neue Gegenbewegungen entstehen, immer wieder neue Werte und Einstellungen vertreten werden. Die Bewegung der Hippies setzte sich für Frieden und sexuelle Freiheit ein, Punks richteten sich gegen die Konsumgesellschaft, Raver feierten den reinen Hedonismus und Hiphopper gründeten ihre eigene Gegengesellschaft mit eigenen urbanen Riten und Werten. Auch diese Subkulturen wurden irgendwann vom Mainstream vereinnahmt, aber allen gemeinsam war, dass sie anders waren als der Mainstream, dass ihre Mitglieder anders sein wollten und ihre eigene Kultur, ihren eigenen Lebensstil leben wollten.

Subkultur bedeutet also gegen etwas zu sein, etwas Neues zu schaffen um sich von dem Alten oder dem Anderen abzugrenzen. Subkulturen entstehen aus der Veränderung der Gesellschaft heraus, wobei immer neue Formen des Protestes und Widerstands entstehen. Subkulturen grenzen sich nach außen hin nicht nur gegen den Mainstream, sondern auch gegen andere Subkulturen ab, sodass es zu regelrechten Rivalitäten wie z. B. bei Punks und Skinheads kam.

Als Mittel zur Abgrenzung dienen bei Subkulturen Kleidung, Konsum, musikalische Vorlieben, Körperhaltung, Sprachstil, Mode, Sexualität, Freizeitgestaltung, Kompetenz, Wissen, Lebenserfahrung, Habitus etc. Also alles womit symbolisch das Anderssein ausgedrückt werden kann. Man kann hier auch von einem gewissen Stil reden, der die Zugehörigkeit eines Individuums manifestiert. Stil als Ausdruck sozialer Orientierung.

Subkulturen sind insofern also Gegengesellschaften, da sie eigene Regeln und Normen aufweisen. Sie können dabei großen Einfluss auf alle Teilbereiche ihrer Mitglieder nehmen und sind somit von existenzieller Wichtigkeit für diese, denn Subkulturen dienen vor allem auch zur Zurschaustellung der Identität und des Selbstwertgefühls.

Subkulturen heute

Die Geschichte zeigt, dass nach einer gewissen Zeit jede Subkultur vom Mainstream vereinnahmt wird. Die Hippiegeneration ist heute die Generation der 60- bis 70- Jährigen, Punker sieht man in großen Städten überall auf der Straße und Graffitis der Hiphop- Szene gehören heute zu jedem Stadtbild dazu. Alle Moden und Stile sind heute im Mainstream etabliert, für jeden Stil gibt es Bekleidungsgeschäfte und Internetshops, kein Kleidungsstil, keine Mode schockiert noch wirklich.

Auch die politischen Einstellungen sind inzwischen durch eine große Vielzahl an kleinen Parteien im System angekommen und in der Regierung vertreten. Es gibt scheinbar nichts mehr, was es nicht schon gab, keine Kombinationen von Stilen und Geschmäckern, die nicht schon einmal vorgekommen sind und bereits im Mainstream etabliert waren. Es gibt keine Möglichkeit mehr etwas Neues zu schaffen, zu provozieren, sich aufzulehnen. Alle alten Subkulturen sind schon lange vom Main vereinnahmt worden.

Doch wenn man genauer hinschaut, findet man auch in der Geschichte der Popmusik Subkulturen, die während ihrer Zeit nicht bekannt waren, die eben so sub und so klein waren, dass sie vom breiten Mainstream überhaupt nicht wahrgenommen wurden. Nehmen wir z. B. die Subkultur der Mods, die Anfang der 1960er-Jahre in Südengland verbreitet war und sich durch Hedonismus, Selbstinszenierung, Mode und Exzesse definierte. Diese Subkultur wurde erst 1964 vom Mainstream wahrgenommen und im gleichen Zuge kommerzialisiert und somit entkräftet. Es können also auch heute Subkulturen vorhanden sein, die noch von niemandem wahrgenommen wurden, da sie z. B. stark regional begrenzt sind.

Wirft man an dieser Stelle einen Blick auf die Beschreibung unserer heutigen Gesellschaft des Soziologen Ulrich Beck als „Risikogesellschaft“, so spricht auch er von der „Pluralisierung der Lebensstile“ und von „Bastelbiografien“. Er verdeutlicht, dass einzelne Individuen immer mehr dazu gezwungen sind möglichst viele Ausbildungen und Praktika zu machen, häufig ihre Wohnorte zu wechseln, möglichst individuelle Lebensläufe, die von Beck genannten „Bastelbiografien“ zu erstellen. Einzelne Menschen werden also immer individueller, somit wird es auch immer schwieriger Gruppen als Subkulturen zusammenzufassen und von kollektiven Identitäten zu sprechen. Die „Bastelbiografien“ zeigen außerdem, dass es heute nicht mehr nötig ist sich für einen Lebensstil zu entscheiden, sondern dass man pluralisiert leben kann und somit theoretisch Teil von mehreren Subkulturen gleichzeitig ist.

Bereits Ende der 1990er-Jahre verweisen die Musikwissenschaftler und Soziologen auf eine unüberschaubare Anzahl von Jugendszenen und Subkulturen. Diese Anzahl wird durch die steigende Individualisierung immer mehr wachsen, sodass man heute von einer noch viel größeren Zahl von Subkulturen ausgehen kann.

Man könnte also auch sagen, dass sich heute die Menschen untereinander so unterscheiden, so individualisiert und individuell sind, dass jede einzelne Person quasi eine eigene Subkultur darstellt. Jede Person hat einen eigenen individuellen Stil, eine individuelle Lebensvorstellung, einen individuellen Geschmack, lebt seine eigene Sexualität und hat individuelle Lebenserfahrungen. Jede Person hat sich im Sinne einer Bastelbiografie das Beste aus den einzelnen Subkulturen und der Massenkultur zusammengebastelt, denn diese sind ja nicht verschwunden, sondern immer noch im Mainstream vorhanden. Jeder Teilbereich dieser Subkulturen, sei es Musik oder Mode, ist ja zudem heute leicht und überall erhältlich.

Jedes Gesellschaftsmitglied, das nicht 100%ig mit der heutigen Gesellschaft und Massenkultur zufrieden ist, ist somit eine eigene kleine Gegenkultur. Es kann keine große Massenkultur mehr geben, welche die Bedürfnisse aller Gesellschaftsmitglieder befriedigen kann, da alle Menschen viel zu sehr individualisiert sind. Jeder der einen bestimmten Teil der Massenkultur für verbesserungswürdig hält, stellt somit eine Opposition dar, ohne bewusst Teil einer bestimmten Subkultur sein zu müssen.

Die heutige Gesellschaft ist individualisierter als je zuvor und ohne sich dessen bewusst zu sein gibt es heute mehr Subkulturen als jemals sonst in der Geschichte.

Führt man diese Gedanken weiter, so muss man sich fragen, ob man dann heute überhaupt noch von einer Massenkultur sprechen kann. Sind dann nicht alle Gesellschaftsmitglieder viel zu individuell, um als Masse zusammengefasst werden zu können?
Oder ist es nicht sogar so, dass sich die Massenkultur im ursprünglichen Sinne aufgelöst hat und die neue, eben durch die Masse definierte, Massenkultur heute aus vielen kleinen Subkulturen zusammengesetzt ist? Man kann eigentlich nur noch von Produkten der Massenmedien sprechen, die jeweils von einer bestimmten Masse rezipiert werden, aber eben nicht mehr von einer Massenkultur.

Die eigentliche Frage könnte also lauten „Was ist eigentlich mit der Massenkultur passiert?“ und auf die Frage „Gibt es heute überhaupt noch Subkulturen?“ kann man also antworten:

Ja, so viele wie nie zuvor!

Titelbild via pexels.com (CC0)
Kategorie: 360°

von

Jo

Student - Musiker - Langschläfer. Und wie so häufig einziges "männliches" Mitglied der Gruppe.

2 Kommentare

  1. Anja sagt

    Da jeder individualisiert ist, ist doch Individualität die neue Massenkultur.

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