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Wo die Neurosen blühen – im Garten der Gene

Desoxyribonukleinsäure – die Zauberformel unserer menschlichen Existenz. Das Rezept nach dem Menschen gemacht werden, sobald sich die beiden wichtigsten Grundzutaten vermischt haben. Ein bisschen Intelligenz, ein bisschen Haut- und Haarfarbe, ein bisschen Suchtneigung, Erbkrankheit und eine Prise Sommersprossen vielleicht. Nach Belieben zur Garnitur noch ein paar „Worrier“ oder „Warrior“- Gene für die besondere Note. Diese Gene entscheiden darüber, ob das Ergebnis robust und pragmatisch wird oder eher depressiv und lethargisch angehaucht ist. Fertig! Einmal Mensch.

Manche sehen darin die göttliche Schöpfung, andere nennen es DNS bzw. DNA – Biomoleküle, aus denen jedes Lebewesen und bestimmte Virenarten bestehen, Träger der unabänderlichen Erbinformationen. Schicksalhaft eingebrannt und dennoch von Zeit zu Zeit mit unvorhergesehenen Überraschungen gespickt. Unsere DNA besteht aus den Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin. Vier Buchstaben – A T G C – in verschiedenen Varianten und Variationen entscheiden darüber, zu welchem Zeitpunkt wir Menschen wachsen, in die Pubertät kommen, krank werden, Locken oder andersfarbige Augen bekommen. Unsere DNA ist eine wunderbar verzweigte, hochkomplexe Bau- und Psychoanleitung. Noch ist sie ein faszinierendes und persönliches Geheimnis. In Zeiten der Meta-Daten, die unseren Lebensstil dokumentieren und algorhithmisch voraussagen, scheint die DNA eine der letzten geheimen Bastionen des Individuums zu sein, zumindest vorläufig.

 Wo kommen wir her?

Die Frage nach der menschlichen Existenz hält Philosophen seit Jahrtausenden auf Trab.

Was ist ein Mensch? Ein Bild der Schwäche, Beute des Augenblicks, ein Spielball des Schicksals, ein Bild der Unbeständigkeit, eine Verbindung von Leid und Mißgeschick und das Übrige: Schleim und Galle. (Aristoteles)

Seit dem Aufkommen von Genanalysen haben sich faszinierende Möglichkeiten ergeben, im „Schleim“ der Menschen wie in einem Geschichtsbuch zu lesen. Welchen Status Quo der Gen-Cocktails tragen wir in uns? In welchen Samen und Eizellen der Welt sind unsere DNA-Biomoleküle durch die Zeit gereist?

Antworten auf diese Fragen liefern Genlabore unter dem Stichwort „Lifestyle DNA“ für ein paar hundert Euro. Neben Vaterschaftstests und forensischen Untersuchungen kann man sich den Spaß der Ahnenforschung – ein bürgerliches Must-Have –  oder eine genaue Rassenanalyse des geliebten Vierbeiners gönnen. Wer familieninterne Schrulligkeiten bisher auf den einen oder anderen Sippen-Tyrann, auf emotionale Kälte in familiären Beziehungen während der Jahrhundertwende („Das weiße Band“) oder die Folgeschäden des 3. Reichs zurückgeführt hat, der wusste möglicherweise noch nicht, dass es möglich ist, Verwandte von vor über 2000 Jahren dafür verantwortlich zu machen. Man gibt einem Genlabor seine DNA und bekommt anschließend die Zugangsdaten zu einer Online-Datenbank, in der die eigene und alle jemals dokumentierte DNA verzeichnet ist, quasi ein DNA-Google. Die eigene DNA wird dort mit dem „historischen“ Genmaterial abgeglichen, das als Referenz für Ort, Zeit und Ethnie dient. Der Mitarbeiter eines Genlabors erzählt mir, dass sein Chef die Gene eines Stammes in sich trägt, aus dem später die Wikinger wurden. Damit kann man dann im Golfclub angeben. Oder in der Kneipe an der Ecke.

Wer herausfinden möchte, was eigentlich mit seinem Mops nicht stimmt – wieso das Tier ununterbrochen röchelt und permanent den Eindruck erweckt an seinem Speichel zu ersticken bzw. vom eigenen Körperfett erdrückt zu werden – der kann sich zunächst einmal fragen, wieso Menschen vorsätztlich ins Ungesunde überzüchtete Tiere „süß“ finden oder sich durch die Anwesenheit eines respiratorisch stark beeinträchtigten Lebewesens besonders „gebraucht“ fühlen. Im zweiten Schritt kann er die Hunde-DNA seines Mopses analysieren lassen und prüfen, welche Hunde-Gene für den geliebten Wau-Wau zusammengemischt wurden und ob wirklich so viel Mops drin ist, wie drauf steht („100% vegane Leberwurst“ oder doch ein Reinrasser?).

Wo gehen wir hin? The sky is the limit – as usual.

Alles wissen zu wollen liegt in unserer Natur. Wir erforschen unermüdlich die „Psyche“ oder das „Universum“, auch wenn wir beides nur in bruchteilhaften Ansätzen verstehen und es unseren Verstand langfristig überfordert. Wir können nicht wegsehen, wenn wir die Chance dazu haben, etwas bis ins letzte Detail auseinanderzunehmen und zu sezieren – selbst wenn es uns schadet oder wir ahnen, dass wir dem gewonnenen Wissen nicht gewachsen sind. Die DNA ist eine Zauberkugel, mit deren Hilfe Menschen versuchen die Zukunft vorherzusagen, eine Einladung zum analytischen Exzess.

Angelina Jolie ließ sich ihre Brüste durch Silikon ersetzen, um ein erhöhtes genetisches Brustkrebsrisiko zu umgehen. Dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, ihm vermeintlich einen Schritt voraus zu sein, diese Illusion scheint Menschen in irgendeiner Art und Weise zu befriedigen und ihnen ein Gefühl von Kontrolle, Macht und Sicherheit zu geben. Es erinnert an den Film Big Fish von Tim Burton: Der Protagonist, Edward Bloom, bekommt als Kind die Möglichkeit, seinen eigenen Tod inklusive Ursache und Zeitpunkt zu erfahren. Er und seine Freunde sehen im Folgenden ihre persönliche Todesszene im Auge einer Hexe. Bloom lebt sein Leben daraufhin in vollen Zügen und muss sich vor nichts mehr fürchten, schließlich weiß er, woran er nicht sterben wird. Seine eigene Todesursache zu kennen kann sowohl zu einer Entlastung als auch zu einer Belastung werden. Unsere DNA ist ein Fixpunkt in unserer Schicksals-Torte, der dennoch auf unberechenbare Weise mit den Ereignissen des Lebens vermengt ist. Häufig kommt der Straßenverkehr dem Verlauf der Gen-Anleitung zuvor und bringt den ganzen Plan durcheinander.

Es gehört zum guten Ton der Wissenschaft und größenwahnsinniger Supermächte, in der Lage zu sein, potenzielle Supermenschen zu züchten. Der Traum, Menschen nach Bedarf und Belieben zu kreieren ist vermutlich ebenso alt, wie der Wunsch danach, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen oder den Brunnen ewiger Jugend zu finden – Themen, die Menschen nur schwer akzeptieren können, weil sie sich ihrer Kontrolle entziehen: alt werden, sterben, „menschlich“ sein. Die DNA zu beherrschen ist ein pragmatischer Lösungsansatz für diese Misere. Frankenstein 2.0. In Chinas größtem Genforschungsinstitut, dem BGI in Shenzhen arbeitet man derzeit daran, Gene zu isolieren, die für menschliche Intelligenz verantwortlich sind. Das erklärte Ziel des Instituts ist, eine genetische Karte von jeder Lebensform zu erstellen und zu katalogisieren (arte-Reportage: Gene ohne Grenzen?).

Es lassen sich Voraussagen über die Wahrscheinlichkeit treffen, eine bestimmte Krankheit zu bekommen, Elemente geistiger Eigenschaften wie Intelligenz lassen sich genetisch isolieren – aber was ist mit unserer Persönlichkeit, dem Mosaik aller unserer Erfahrungen und dessen, was wir uns erarbeitet haben? Individualismus, ein unabhängiger Geist und Selbstverwirklichung sind elementare Konzepte unserer Zeit – die Religion der Atheisten. You can make it happen, you can make it real! Dennoch liegen in unseren Genen elementare Anlagen für Persönlichkeitsmerkmale, unsere Art zu denken und zu handeln. Wissenschaftler haben eine Einteilung in „Worrier“ und „Warrior“ vorgenommen. Träger der „Warrior“-Gene sind eher robust und pragmatisch veranlagt, Träger der „Worrier“-Gene hingegen neigen zu Depressionen und Unsicherheiten, sie grübeln viel. Der amerikanische Wissenschaftler Ahmad Hariri forscht beispielsweise daran, weshalb Menschen in der gleichen Situation unterschiedlich reagieren. Die Antwort liegt zum Teil in unseren Genen.

Es wäre nicht das Leben, wenn diese Frage einfach zu beantworten wäre. Würden Gene allein unseren Lebenslauf bestimmen, dann könnte die Hexe Google uns unter Kenntnis unserer DNA in Kombination mit ausgefuchsten Algorithmen sicherlich unseren Tod vorhersagen und uns nebenbei das passende Sargdesign in Form einer personalisierten Werbeanzeige unterjubeln.  Das was uns ausmacht, wer wir sind und wer wir werden, ist glücklicherweise eine komplexe Mischung aus Genen und deren „Reaktion“ mit Umwelteinflüssen sowie der unberechenbaren Komponente Zufall. Es scheint ein albewährter Trick der Evolution zu sein, jedem Menschen ein Starterkit an Genvarianten mitzugeben, deren Ein- und Ausschalten jedoch durch reale Umweltbedingungen beeinflusst und gesteuert werden. Frühkindliche Bindungserfahrungen und Einflüsse entscheiden über die Aktivierung bestimmter Gene, jemand mit einer Genveranlagung, die gehäuft bei Psychopathen auftritt kann ein Menschenfreund sein. Mit der genetischen Vorherbestimmung verhält es sich demnach ähnlich wie mit dem Hummel-Paradoxon: Hummeln können laut den Gesetzen der Physik bekanntermaßen gar nicht fliegen.

Titelbild: simpleinsomnia via flicker.com  (CC BY-SA 2.0)

2 Kommentare

  1. Wolfgang sagt

    Sehr interessanter Artikel! Die auprägung der Persönlichkeit ist wie beschrieben auch von der Umwelt und der Sozialisierung geprägt. Viele Weichen werden im Mutterleib und den ersten Lebensjahren gestellt. Und neben der kalssischen Genetik auf DNA Ebene gibts ja auch noch die Epigenetik und weitere komplexe Regulationsmechanismen 😉

  2. Monika sagt

    Toller Artikel, hat Spaß gemacht zu lesen……..

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