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Narkotika und Jubilus

Erwachsene Menschen stehen dicht an dicht. Sie tragen „Kutten“ – abgetragene Jeanswesten mit Aufnähern ihres Vereins. Berauscht vom Gemeinschaftsgefühl und narkotisierenden Alkoholika verfallen sie in einen kollektiven Singsang,  die Schals um den Hals, jederzeit bereit, ein Schalspann-Ritual durchzuführen.

SCHALALALALAAAAAAAA!

Bier, Menschen, Reliquien, Umarmungen, Erbrochenes, Verbrüderung, lachende Gesichter, weinende Männer, Pöbeln, Grölen, große Euphorie – all das ist Fußball. Doch diese assoziative Charakterisierung wird der Sportart nicht gerecht. Fußball ist Kulturgut und Medizin gegen die Unerträglichkeiten des menschlichen Daseins; Heldenreise und Karthasis; eine universelle Sprache und Instrument der Integration und gleichzeitig der Grund für diverse Platzwunden, Alkoholvergiftungen und gebrochene Rippen. Die meisten Kämpfe werden jedoch stellvertretend von der Mannschaft auf dem Spielfeld ausgetragen und die Zahl der Verletzten ist, im Verhältnis zur Größe der Veranstaltung, relativ gering. Mit Emotionen wird beim Fußball nicht gegeizt, Herzblut wird im großen Stil investiert: Aufopferung, Treue und Kasteiung für den Verein sind eine Selbstverständlichkeit – in guten wie in schlechten Zeiten.

Opium für das Volk

Für Steffi B. aus Dortmund ist jeder Bundesliga-Spieltag ein Feiertag. Und der beginnt schon morgens im heimischen Garten. Da hisst sie die Flagge ihres Vereins, reckt die Fäuste gen Himmel und spricht ein Gebet: „Sieg, Sieg, Sieg! Lieber Gott! Die Schwarzgelben sind es, die gewinnen müssen!“[…] Steffi ist Ende 50 und hat bereits testamentarisch verfügt, dass sie einmal zu den Klängen dieses Liedes beerdigt werden möchte. Im schwarzgelben Sarg.

Fußball ist nicht irgendeine Ballsportart, Fußball ist eine Religion – Opium für das Volk. Vereine haben den Status fester Institutionen, sie können als eine moderne Agenturen der Sinnstiftung in einem pluralistischen und fluiden Wertesystem verstanden werden, als eine Insel der Gemeinsamkeit in einer fragmentierten Lebenswelt, die sich aus einem unübersichtlichen Konglomerat kleiner Communities und Individuen zusammensetzt.

Ein Fan entscheidet sich für einen bestimmten Verein und damit für treue Anhängerschaft. Häufig erfolgt eine Identifikation mit dem Verein, der dem Heimatort am nächsten ist. Da jede Form der Identifikation auch eine Form der Abgrenzung impliziert, bedeutet die bewusste Entscheidung für einen Verein Abgrenzung oder sogar Feindschaft gegenüber anderen Vereinen. Hat sich der Fußballfan für die Verbundenheit zu einem bestimmten Verein entschieden, so nimmt das Ausleben von Freude und Trauer über die spielerischen Kämpfe im Stadion eine zentrale Rolle in seinem Leben ein. Jetzt sind Ausdauer und Beharrlichkeit gefragt: Die wiederkehrenden emotionalen Erfahrungen in der Fangemeinde verstärken das Gefühl von kollektiver Identität – auf dem Fußballplatz, im Stadion und in der Stammkneipe.

Das stereotype Bild von Fußballfans als volltrunkenem, urinierenden und pöbelnden Mob ist alt. Neu hinzugekommen ist die Rolle von Fußballfans als Botschafter für den Weltfrieden, die sich volltrunken in Toleranz und Verbrüderung üben und zwar bis hin zur Königsdiziplin: der  Neuerfindung einer nationalen Identität, wie es bei der WM 2006 der Fall war, und woraus hoffentlich viele multiethnische Babies entstanden sind. In der Wissenschaft stößt man auf erstaunliche Theorien und Positionen zum Thema Fußball – von psychoanalytisch angehauchten Theorien, die Fußball mit Fetischismus in Verbindung bringen, über soziologisch verortete Theorien, die in dem Volkssport ein charakteristisches Fundament der Zivilisation zuschreiben, bis hin zu detaillierten Vergleichen des Sport- und Fankults mit der katholischen Kirche.

Ekstase und Dingfetischismus

Auch schon bevor Sigmund Freud Menschen zu penisneidenden und inzestiösen Wesen erklärt hat war Fetischismus ein gestandener Begriff, um die „Verehrung bestimmter Gegenstände im Glauben an übernatürliche Eigenschaften“  zu beschreiben. Laut dem Philosoph und Soziologen Horst Bredekamp herrscht während des Fußballspiels eine „Dingmagie“ – der Ball ist das Kult- und Fetischobjekt des Geschehens. In Ekstase werden kollektive und rauschhafte Erfahrungen gemacht. Bredekamp untermauert seinen kulturpsychologischen Erklärungsansatz mit dem Beispiel des Spielers Diego Maradona, der sein Verhältnis zum Fußball mit dem zu Frau und Mutter vergleicht (?!).

Fußballfans – das zivilisierte Fundament unserer Gesellschaft

„Zivilisation“ bedeutet grob gesagt ein friedliches Miteinander, die Kontrolle von Sexualtrieben sowie das Befolgen bestimmter Regeln beim Konsum von Nahrung und deren Ausscheidung bzw. die Tabuisierung von Fäkalien. Der Soziologe Norbert Elias ist in „Über den Prozess der Zivilisation“ der Frage nach der Entstehung einer zivilisierten Gesellschaft nachgegangen. Elias schreibt dabei der Wandlung der Angriffslust der Menschen eine Schlüsselfunktion zu: Damit der Prozess der Zivilisation erfolgreich verlaufen kann, müssen menschliche Triebe und gewaltsame Affekthandlungen langfristig in geordnete Bahnen gelenkt werden. Das ist, in Anbetracht der menschlichen Natur, eine ziemliche Herausforderung, denn die „natürliche“ Lust am Kämpfen und Töten braucht einen legitimierten Raum. Achtung! Jetzt kommt Fußball ins Spiel: Der sportliche Wettkampf wird als eine Kanalisierung des Verlangens nach Kampf und Gewalt verstanden – das bloße Zusehen bei einem Fußballspiel könne zur Entladung von „aggressiven Lustäußerungen“ und Affekten führen. Folgt man dieser Theorie, so hat Fußball eine kathartische Funktion und stellt einen geregelten und verhältnismäßig gewaltfreien Kriegersatz dar. Gemäß dieser Logik bilden Fußballfans also das solide Fundament der zivilisierten Gesellschaft. Vielleicht ist es an der Zeit für ein Dankeschön, anstatt abfällige Blicke schweifen zu lassen, wenn das nächste Mal Erbrochenes aus Regionalzügen gekärchert werden muss.

Reliquien und Anrufungsgesänge

Dass Fußball mit einem religiösen Kult – ähnlich der Götterverehrung – gleichgesetzt werden kann, steht für Reinhard Kopiez, Professor der Musikpsychologie, außer Frage. Die wichtigste Kultstätte beim Fußball ist für ihn das Stadion, ein ‚locus theologicus’ = ein heiliger Ort. An jedem Spieltag pilgern unzählige Fans ins Stadion, um ihren Verein zu unterstützen. Der Einzug der trunkenen Masse komme einer Prozession gleich. Während des Spiels im Stadion könne man religiöse Symbole und Rituale finden. Als eins dieser kultischen Rituale führt Kopiez die Anrufung – in Religionssprache „invocatio“ – an, welche beim Fußball in Form des „Schalspannrituals“ stattfindet: In besonders feierlichen Situationen wird der Fan-Schal mit beiden Händen feierlich gespannt und nach oben gehalten. Zu den wichtigsten kultischen Gegenständen gehöre außerdem die „Monstranz“ – äääh der Pokal. Häufig wird der Pokal von Fans nachgebildet und wie eine Reliquie gefeiert. Narkotika, Tanz und Maske sind schließlich der Schlüssel zur Ekstase: Bier, La-Ola-Wellen, Klatschen über dem Kopf und gemeinsames Springen plus Trikots, Schals, Reliquien in Form eines nachgebauten Pokals, Talismänner und gegebenenfalls eine Gesichtsbemalung ermöglichen das Erreichen eines nicht-alltäglichen Zustands der Euphorie sowie ein gemeinsames Zelebrieren von Schmerz und Niederlage.

Wenn Worte der Schönheit des Moments keinen Ausdruck mehr verleihen können

Das gemeinsame Singen im Stadion gehört für viele Fußballfans zu den Gänsehautmomenten. Nicht alle Fangesänge haben einen Text, viele haben textlose Sequenzen. Was für Außenstehende wie ein misslungener archaischer Kommunikationsversuch anmutet, wird von  Kopiez als ‚Jubilus’ bezeichnet (man könnte es auch Grölen nennen, aber `Jubilus´ klingt viel eleganter). Kopiez ist sich sicher: Die Fans grölen nicht ohne Text, weil sie zu betrunken sind, um ihre Zungen einwandfrei zu bewegen, sondern um äußerste Ekstase auszudrücken. Das Spektrum der Gesänge im Stadion reicht im Stadion von textlosen Gesängen über mittelkomplexe Texte mit Fantasieelementen (Wir singen Humba, Humba, Humba Tätärääääää) bis hin zu komplexen und bedeutungsschwangeren Stadionhymnen.

Die vom ehemaligen Stadionsprecher Bruno Knust geschriebene Vereinshyme „Leuchte auf, mein Stern Borussia“ von Borussia Dortmund ist für viele Fans ein besonders emotionales Lied – ob gesungen von der engelsgleichen Stimme eine Neunjährigen mit pathetischer Stadioninszenierung oder in einer fragwürdigen Klassikversion. In dieser Vereinshymne kann man eine symbolische Analogie zu dem christlichen Weihnachtslied „Stern über Bethlehem“ finden – wenn das mal kein Beweis dafür ist, dass Fußball als Weltreligion anerkannt werden sollte. Die religiöse Symbolik des Sterns als ubiquitäre Energiequelle und Orientierungshilfe lässt sich als sinnstiftende Symbolik für Dortmund-Fans wiederfinden. Die äußerst „religiöse“ Idee, niemals alleine, sondern immer Teil einer Gemeinschaft zu sein, wird ebenfalls in dem Fan-Klassiker „You´ll never walk alone“  aufgegriffen.

Vergleiche hinken immer – wenigstens ein bisschen. Beim Vergleich wird einer Person oder einer Sache die Identität einer anderen Person oder Sache aufgespülpt, ein Part bleibt dominanter als der andere. In diesem Fall wurde Fußball in die Religions-Schablone gepresst und ein Fußball-Religions-Analogkäse daraus gemacht. Es stellt sich die Frage: Was ist „echte“ Religion? Eigentlich könnten jede Verehrung und jeder Fankult als „Religion“ anerkannt werden. Etwas, das dem Leben einen Sinn verleiht, etwas, das zeitliche Struktur in Form von Ereignissen vorgibt, etwas aus dem Freude geschöpft werden kann und das ein Gemeinschaftsgefühl ermöglicht. Fußball bedeutet Gemeinschaft. Für eine Sachen zusammenstehen, fiebern, singen, feiern. In dieser Art von (Fan) Gemeinde findet das Herz eine Heimat – sich getragen fühlen von der Masse, Teil von etwas sein. Gemeinschaftsgefühl ist eine Form von Heimat und Religion ist ein fluider Begriff, der sich auf fast alle Interessensgemeinschaften mit regelmäßigen Ritualen übertragen lässt. Fußball und Star Wars können als Religionen angesehen werden. Es ist an der Zeit, den Begriff Religion von seinem historisch-sakralen Image zu befreien. Religion ist ein signifikanter Teil unserer Kultur – bisweilen sogar Popkultur – und Synonym für eine Plattform des Ausdrucks emotionaler Bedürfnisse: Dem Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit, Gemeinschaft und Geborgenheit.

In einer Welt, die sich im stetigen Wandel befindet und in der vieles unsicher und beunruhigend scheint, bleibt eine Konstante gültig: Der Ball ist rund und das Runde muss ins Eckige. Und das ist so beruhigend wie der tägliche Sonnenaufgang.

Titelbild: Udo Kempen via flickr.com ( CC BY-SA 2.0)