360°, Featured

Lebe lieber unsichtbar

Erinnerungen stehen wie Einmachgläser im Keller des Lebens. Manche von ihnen sind vergoren, einige angelaufen, andere sauer und ein paar sind süß und knackig wie am ersten Tag. Teilweise wurden sie konserviert, eingefangen in Bildern, Videos und Artikeln, um beweisen zu können, dass man in gewissen Augenblicken auf eine bestimmte Art und Weise existiert hat.

Der Tarnumhang der 90er

Eine Kiste voller Erinnerungen steht auf dem alten Korkfußboden. Darin liegen Alben mit eingeklebten Bildern und Texten. Daneben Fotoumschläge von Ihr Platz, der örtlichen Drogeriekette, deren Klebeverschlüsse beim Öffnen vielversprechend knarzen – wie damals, als man den fertig entwickelten Film aufgeregt abgeholt hat. Im Innern befinden sich haptische Relikte aus der prädigitalen Zeit. Die konservierte Essenz meiner Jugend auf Hochglanzpapier: Tattooketten und abgeschnittene Jeans; Blocksträhnen, Gel-Igel und McDonalds-Frisuren aka Nick Carter´s Frisur als Backstreet Boy; Döner und Rausch auf Wiesen und Feldern; Flips in der Nase und Edding im Gesicht – wer im Bus einschläft, verliert; die Idee von Freundschaft und der Versuch, auf Fotos gut oder wenigstens cool auszusehen – dann die Enttäuschung bei Abholung des entwickelten Films. Es gibt ein paar wenige peinliche Bilder von Partys und das eine oder andere Video, alles offline gelagert in Pappkisten. Die besten Kalauer unserer Abenteuer und Fehltritte kursieren als mündlich weitergegebene Geschichten, die an Weihnachten in der Ortsspelunke reanimiert werden.

Schriftstücke und Fotos aus meiner Kindheit und Jugend sind größtenteils analog. In „Briefbüchern“ wurden die neuesten Erkenntnisse und Unverschämtheiten des sozialen Umfeldes mit Freunden diskutiert – eine Art Selbsthilfegruppe auf Papier. Stumme Zeitzeugen, die mit ihren Sonnenblumencovern im Bücherregal stehen. Nur wenn man sie aufschlägt, kann man im Geist ein hämisches Kichern vernehmen. Die einzigen Spuren, die sie hinterlassen, sind die egozentrischen Gedanken Pubertärer und Kugelschreiberspuren auf Karopapier – keine Metadaten, keine Corporate-Internet-Identity. Sie können rückstandslos vernichtet werden, ohne dabei undurchschaubaren Datenstaub im Internet zu hinterlassen. Digitale Fotografie kam erst später dazu – Liveberichterstattung über unser Leben in sozialen Netzwerken gab es nicht. Wir hatten eine fast unbeobachtete Jugend. Das klingt aus heutiger Sicht ziemlich wild – wie Undergroundpartys in Berliner Clubs, auf denen das Fotografieren verboten ist.

Erinnerungs- und Erzählformen verändern sich. Was früher in einer Kiste mit Fotos, Tagebüchern und Briefen gesammelt wurde, befindet sich heute auf diversen Festplatten, Speicherkarten, Servern und in Online-Communities. Facebook, Whatsapp, Snapchat oder Instagram dokumentieren und verwalten unsere Fotos, Videos und „Lebensereignisse“- ein hybrides Internetgedächtnis, in dem man sich seine Lebensgeschichte zusammenklauben kann.

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält.“ – Max Frisch

Wer bist du? Was ist deine Story? Wir können diese Frage online beantworten und uns dabei immer wieder editieren, sind unsere eigene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, modellieren unser Selbst- und Fremdbild. Fotos von Erlebnissen sind das Prestigeobjekt unserer Zeit. Was ganz früher das gemalte Portrait mit Statussymbolen war, ist heute die Repräsentation eines möglichst aktiven und sozialen Lebens über Social-Media-Kanäle.

Der glitzernde Auswurf des Lebens

Die amerikanischen Wissenschaftler Nancy Van House und Marc Davis haben in ihrer Studie „The Social Life of Cameraphone Images“ die Funktionen von Handyfotos untersucht. Dabei haben sie drei Motive für die Aufnahme von Handyfotos herausgearbeitet: erstens Erinnerung, zweitens die Pflege sozialer Beziehungen und drittens Selbstpräsentation. Geteilt auf sozialen Netzwerken sind die scheinbar beiläufig geschossenen Fotos eine Projektionsfläche für Narzissmus und Selbstvergewisserung und gleichzeitig Mischpult für unsere Identität. In einem permanenten Spiegelstadium mit uns selbst und der Community wird etwas geschaffen, das im Sinne des französischen Psychoanalytikers Jaques Lacan als das Imaginäre verstanden werden kann.

„Ich ist ein Anderer.“ – Jaques Lacan

Lacans These ist, dass wir uns als Individuen begreifen, indem wir uns von außen, zum Beispiel in einem Spiegel, sehen. Erst durch diese Außenansicht fügen sich die inneren Gefühle und die abstrakte Wahrnehmung zum Ich-Komplex zusammen – die Realität wird vorstellbar. Dieser Gedanke lässt sich extrapolieren und metaphorisch auf unsere Online-Identität übertragen.

Im Newsfeed der Social-Media-Kanäle herrscht RTL2-Stimmung – man ist nah dran an den Banalitäten des Alltags anderer Leute. Statt Curry King und Analphabetismus gibt es drapiertes healthy food und andere Flatlays. Die Erzählstruktur ist fragmentarisch, ein Smoothie hier, ein Selfie da. Dennoch lassen sich in den halböffentlichen Live-Memoiren wiederkehrende Narrationsmuster finden: Getränke vor schönem Hintergrund, körperbetonte Fitnessbilder bzw. Weight-Loss-Journeys und andere Erfolgsstorys, einzelne Körperteile mit Accessoires, soziale Erlebnisse mit Freunden, Travelpanoramen in Form von Sprungbildern am Strand oder Rückenaufnahmen vor einer schönen Landschaft, Caspar-David-Friedrich-Style. Durch die relative Überbewertung von Alltagsereignissen bzw. die Inszenierung von außergewöhnlichen Ereignissen werden so viel Event und Glitzer wie möglich ins Online-Leben gebracht. Das Belohnungssystem durch Likes ist altbewährt, wir kennen es bereits aus dem Kolosseum. Wer dabei gute Unterhaltung bietet, kann digitale Früchte ernten. Die Transformation zur menschlichen Online-Marke ist ein lukratives Ziel – selfmade men and women, deren portionierte Lebensgeschichte zum Business wird. Hässliches bekommt man nur selten zu sehen. Von Natur aus schöne Frauen, die sich ungeschminkt präsentieren oder ein paar Cellulite-Dellen vorzeigen, um ihre Normalität zu beweisen und ein Zeichen des Empowerments gegen das Diktat der Ästhetik zu setzen, scheinen das Höchste der Gefühle zu sein.

Making-Memories – In der Ereignis-Bäckerei

Wir leben zu einer Zeit, in der alle Möglichkeiten greifbar erscheinen. Natürlich sind sie das nicht. Spuren in der Welt hinterlassen, das ist es, was viele Menschen wollen. Das wird uns in spirituellen Klo-Kalendern eingeschärft – und es macht das Sterben leichter. Wir sammeln Erinnerungen, indem wir schöne Fotos von Ereignissen machen, nicht für jetzt, sondern für später, weil wir wissen, dass wir uns erinnern werden wollen. Wir publizieren ein Leben online, das wir gerne leben würden bzw. das wir bearbeiten können. Wenn schon das echte Leben so unberechenbar ist, dann lässt sich wenigstens die Facebook-Chronik unter Kontrolle halten und wie ein Kleingarten pflegen.

Es gibt diese Foto-Erinnerungen, die wir auf Vorrat für unsere Medien-Kleingärten horten und es gibt unsere ganz persönlichen Erinnerungen, die nur aus Gefühlen bestehen. Letztere existieren losgelöst von Fotos oder Videos. Sie sind unsere innere Ursuppe und nisten sich in unserem emotionalen Gedächtnis ein, manche von ihnen so tief, dass wir sie ein Leben lang fühlen können. Foto-Erinnerungen verkleiden sich häufig nur als „Erinnerungen“, sind inszeniert und manchmal schlichte Gedächtnisstützen. Wir sammeln sie wie eine Art Luxusgut: Szenerien, die für Fotos arrangiert werden und die nicht aus sich selbst heraus existieren würden. Das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil wir damit nicht unsere echten emotionalen Erlebnisse veröffentlichen, sondern nur eine Pose, die uns in der Öffentlichkeit schützt, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir die Rechte an unseren Fotos – an unseren visuellen Erinnerungen – an diffuse Großkonzerne abtreten. Schlecht, weil die Erlebnisproduktions-Maschinerie die Grenzen von echten Erlebnissen und Fotoerlebnissen sukzessive verschwimmen lässt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Lebens- und Freizeitereignisse in erster Linie für die mediale Verwertung des Ereignisses produziert werden.

Sommerzeit ist Hochzeits-Hochzeit. Fototermine takten das Fest. Wunderkerzen werden nicht nur wegen des schönen Moments verteilt und entzündet, sondern weil man ein magisches Foto bekommt. Das Ereignis wird zur Produktionsstätte von Erinnerungen, bevor es selbst als Erinnerung verinnerlicht werden kann. Erinnerungen kreieren und als Produkt anbieten, das ist ein ganzer Wirtschaftszweig. Facebook macht aus allem ein Ereignis: „Feiere deine Freundschaft mit xy“ und du bekommst ein fröhliches Video mit eingesetzten Fotos. Jochen Schweizer verkauft den älteren Leuten Convenient-Abenteuer. Die jungen Leute reisen auf den Spuren schöner Bilder, die sie aus dem Internet kennen. Beim Material sammeln können wir heute schon an unsere Beerdigung denken. In den USA kann man sich Memorial-Videos erstellen lassen, Slideshows mit Bildern und Videos des Verstorbenen, die zur Trauerfeier und danach laufen – klingt nach den lebendigen Portraits bei Harry Potter. Ein sciencefictionmäßiger Blick in die Glaskugel sagt eine totale Dokumentation von Menschenleben voraus. Wissenschaftler wie Stefan Selke, Professor für Soziologie und gesellschaftlichen Wandel an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Furtwangen, diskutieren sogenannte Lifelogging-Systeme, die das Leben in Zukunft anhand von Daten, Fotos und Videos lückenlos aufzeichnen sollen. Klingt wie das neue 1984. Bis dahin editieren wir unsere digitalen Schrebergärten und erfreuen uns an der Fähigkeit des Vergessens.

Titelbild: woscht via flickr.com ( CC BY-SA 2.0 )