360°

What’s your fantasy?

Es ist nicht das, wonach es aussieht!  

Goldenes Licht, flauschiger Teppichboden, mintfarbene Wände und eine opulent gerahmte Landschaftsmalerei. Die Szenerie verführt geradezu unschuldig dem pittoresken Anschein eines amerikanischen Vorstadtwohnzimmerkitschs zu verfallen. Wären da nicht einige wundersame Objekte zu verzeichnen – etwa das Filmequipment oder eine nackte Blondine, die ihre Beine vor einer auf dem Teppich sitzenden Brünetten spreizt. Die Arbeiten des Fotografen Larry Sultan aus der Reihe „The Valley“ entstanden in den Jahren von 1998-2004 während der Dreharbeiten von Pornofilmen.

Zentral postiert, blitzen die Darstellerinnen jedoch lediglich hinter dem Blumendekor hervor. Der Betrachter steht vor einem Rätsel. Sein Blick ist beschränkt und das offensichtliche Pornosetting unterschwellig in Szene gesetzt. Keines der Bilder transportiert eine knisternde und erotisch-aufgeladene Stimmung. Das hängt mit Sultans Interesse für Randsujets zusammen.

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Beschäftigt er sich in anderen Werkreihen mit dem Leben mexikanischer Tagelöhner in südkalifornischen Vorortsiedlungen oder der häuslichen Familienidylle am Stadtrand von Los Angeles, stehen bei „The Valley“ auch Randerscheinungen und zwar die des Produktionsalltags der Erwachsenenfilmindustrie im Fokus. Dabei legt Sultan keinen Wert auf die Rolle eines Welterklärers oder Moralapostels, er nimmt den Betrachter viel lieber mit nach Hause, an die Schauplätze seiner Kindheit und Jugend. Zu Hause das ist für Sultan der amerikanische Vorort San Fernando Valley, am Rande von Los Angeles. Eine Gegend, die auch bekannt ist als das Hollywood der Pornoindustrie. Eben da war es in vielen Haushalten üblich, die eigenen vier Wände anlässlich von Dreharbeiten für einige Tage an Porno-Produzenten zu vermieten.

Zeig’ mir dein Haus und ich sag dir wer du bist.

Meist wurden die einzelnen Zimmer vor Drehbeginn nicht präpariert, sodass üppige Bilddetails wie Möbel, Gemälde oder Bücher sichtbar bleiben und Rückschlüsse auf die jeweiligen Hausbesitzer zulassen. Der Künstler fotografierte während den Drehs, in den Drehpausen und hielt Ausschnitte der Sets fest. Ihren auratischen Charakter erhalten die Bilder aufgrund der Vereitelung der heilen häuslichen Welt durch angedeutete Präsenz von Filmteams.

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Mehr noch als die Darsteller und Sexszenen sind die zahlreichen Privatgegenstände die eigentlichen Objekte seiner Begierde. Fasziniert von der Tatsache, durch die Profession des Fotografen in Privathäuser eindringen und sich dem befremdlichen und zeitgleich befriedigenden Gefühl des Voyeurismus hingeben zu können. Sultans Fotografien werden somit auch zu Ortserzählungen – durch welche typische Haushalte zu Kulissen aufgeladen und zu kulturellen Symbolen einer mittelständischen Gesellschaft erhoben werden. Suburbane Kulissen und die damit verbundenen Assoziationen, sowie starke Farben, sattes kalifornisches Licht und hohe Schärfentiefe ziehen sich durch sein gesamtes fotografisches Vermächtnis. In all seinen Arbeiten widmet Sultan sich den Kulturphänomenen Kaliforniens, die zu Symbolen eines nationalen Lebensgefühls und Sehnsüchten wurden.

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Bei Betrachtung all der komplexen Anordnungen und implizierten Darstellung von konstruierter Intimität schleicht sich das Gefühl ein, dass die Bilder mehr sagen möchten, als sie anzudeuten vermögen. Es stellt sich die Frage, ob Sultans Bilder nicht eine umfassendere, tiefer liegende Wahrheit postulieren.

Insbesondere geben die Bilder Einblicke in die Persönlichkeit des Fotografen. Seine Motivwahl sowie die Tatsache, dass er sich zum Fotografieren ausschließlich in und um das San Fernando Valley bewegte, sprechen für eine Erkundung der eigenen persönlichen Geschichte. Hier wird fotografisch versucht, die Mythen eines Landes, des „kalifornischen Traums“, der eigenen Jugend und möglicherweise auch Sexualität, zu durchdringen. Das Wesen dieses Fotografen manifestiert sich in seinem Umgang mit den Motiven. Ein Fotograf, der sich nie anmaßt den Motiven Etiketten anzudichten. Eine Denke, welche ungern in Extremen aufgeht, was den ausgewogenen Zugang, das jedem Foto vorausgeht, erklärt.

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Sultans Bilder stehen fernab von kulturkritischem Pessimismus oder sozialanalytischem Kitsch. Die herausragende fotografische Leistung liegt seinem Blick zu Grunde, der erhaben, jedoch nie wertend, nie bemitleidend ist. Selbst in den banalsten Momenten spricht er keinem der abgebildeten Objekte seine Würde ab. Die Produkte von Sultans Arbeit sind das Ergebnis feiner Beobachtungen von Menschen und deren Alltag, abseits jeglicher Glorifizierung oder Skandalisierung. Dies macht seine Fotografien zu subtilen Reflexionen über die anziehende und umwälzende Kraft der Stadt Los Angeles, die Natur von Identität und Selbstdarstellung, die tägliche Performanz von kulturellen Riten.

Wahrheit oder Lüge? Wahrheit und Lüge.

Sultan hat sich in seinen Werken stets mit der Frage beschäftigt, wie sich das fotografische Bild konstituiert: Durch Lüge oder Wahrheit, reine Dokumentation oder Inszenierung der Realität? Jedes seiner Werke lässt die Grenzen zwischen dokumentarischer und inszenierter Fotografie verschwimmen. Bei „The Valley“ verwendet Sultan das häusliche Milieu und die artifiziellen Set-Konstruktionen um den Raum zwischen Fantasie und Realität zu hinterfragen und die Verbindung von Verlangen in Bezug auf das häusliche Leben zu ergründen. Auf diese Weise kann emotionale und körperliche Entrückung offen gelegt werden. Indem er das offensichtlich Nackte, Erotische fast unkenntlich macht, die Darsteller bei profanen Tätigkeiten in ihren Drehpausen ablichtet oder die Assistenten beim Eingreifen in Szenen zeigt, entmystifiziert er Verlangen und entlarvt es als ein konstruiertes Moment.

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Dennoch evozieren Sultans Bilder starke Emotionen beim Betrachter: Scham, Beklommenheit, Verstörung, Sehnsucht, Nostalgie. Er macht uns zum Voyeur, zieht uns in das Bild hinein und lässt den Betrachter zum Beteiligten werden. Dieser ertappt sich beim Betrachten vor Ort, neben dem Fotografen stehend. Die einzige Distanz zum Gesehenen kann sich aus der Frage an den Fotografen selbst ergeben. „What’s your fantasy Larry Sultan?“

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Betrachten wir die Wirklichkeit oder Sultans Vorstellung von dieser? In welchem Grad Sultans Fotografien soziologisch-dokumentarische Studien oder subjektiv aufgeladene Visionen des Fotografen selbst sind, bleibt unbestimmbar. Ferner stellt sich die Frage, ob Fotografie überhaupt losgelöst vom Begriff der „Autorschaft“ denkbar ist – ob mit jedem Bild tatsächlich Realität abgebildet oder lediglich eine persönliche Idee von dieser geboren wird.

„Here and Home“ – Die erste Retrospektive zu Larry Sultans Arbeit ist derzeit bis zum 19. Juli 2015 im LACMA in Los Angeles zu sehen.
http://www.lacma.org/art/exhibition/larry-sultan-here-and-home

 All images by courtesy of http://www.larrysultan.com

 

2 Kommentare

  1. Anja sagt

    Ich finde die Bilder irgendwie verstörend. Auf den ersten Blick wirken sie so harmlos, fast idyllisch. Bis man realisiert, was man tatsächlich gerade ansieht.

  2. Stefano sagt

    Interessante Sichtweise, die Absicht des Fotografen ist sehr gut beschrieben und erklärt! Allerdings überrascht das nicht wirklich, es ist ja allgemein bekannt, dass die Pornoindustrie eine große Maschinerie ist, die mit der Sucht und ungenügender Befriedigung anderer Menschen Geld macht – was sehr traurig ist. Die Motive der Fotos treffen nicht wirklich meinen Geschmack, aber mir gefällt die Farbigkeit mit den vielen Pastelltönen sehr gut 🙂

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