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Im Schwitzkasten

Es ist heiß. Langsam bilden sich Schweißperlen auf meiner Stirn. Auf allen Vieren krieche ich vorwärts, gleichzeitig neugierig und nervös. Meine Knie protestieren gegen die harten Holzbretter unter mir und wecken die Erinnerung an lange vergangene Kindheitstage. Der dunkle Schacht, durch den ich mich zwänge, misst ungefähr einen halben Meter in Breite und Höhe und stellt mich vor immer wieder neue akrobatische Herausforderungen: steile Ecken, die nur in Seitenlage bezwingbar sind, Treppen, die nach unten und nach oben führen, Abschnitte die so schmal sind, dass ich Angst habe steckenzubleiben. Ist der Eingang erst einmal durchquert, sollte man seiner Gelenkigkeit vertrauen, denn Umkehren ist unmöglich. Es ist so ähnlich wie bei geschlossenen Rutschen in Erlebnisbädern, bei denen der Vordermann in einem dunklen Loch verschwindet und bald danach spitze Schreie ausstößt, von denen man hofft, dass es Schreie der Verzückung sind.

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Installationsansicht von außen

Die aktuelle Ausstellung in der Villa Merkel in Esslingen titelt leise: Kunst gehört den Mutigen. Das Künstlerkollektiv „Les Frères Chapuisat“, bestehend aus zwei Genfer Brüdern, hat dort in sechs Wochen eine voluminöse Installation aus Holz geschaffen, die sich über das gesamte Erdgeschoss erstreckt. Von außen betrachtet lässt sich der Weg des wuchernden Ungetüms, das von dünnen, langen Stelzen aus Holz getragen wird, nachvollziehen. Dabei verleihen die wild ineinander greifenden Bretter unterschiedlicher Länge und Farbe der Arbeit den Anschein eines außer Kontrolle geratenen und hektisch zusammen geschraubten Provisoriums. Erst im Inneren des hölzernen Fuchsbaus zeigt sich dem Besucher die bemerkenswerte Präzision der Erbauer und öffnen sich Räume, die dem Blick von außen verschlossen bleiben.

Reishi-Pilzzuchtfarm

Reishi-Pilzzuchtfarm

Am Ende des ersten Irrgangs stolpert man in einen großen und lichtdurchfluteten Raum, der den Besucher – anders als die dunklen Schächte – mit einer Farbsymphonie aus leuchtenden Pastelltönen empfängt. In der Mitte sorgen ein monumentaler Tisch und kleine Sitzecken für eine überraschend häusliche Atmosphäre. Die einzelnen Räume wurden während der Aufbauphase vom Ausstellungsteam bewohnt. Neben dem Esszimmer – wo Elektroherd, Kaffee, Bier und geöffnete Spaghetti-Packungen noch von der Geselligkeit vergangener Tage zeugen – gibt es außerdem Schlafräume, in denen Matratzen mit zerwühlten Decken liegen und ein Kino, das Op Art Videos zeigt. Das Herzstück der Arbeit bildet eine Pilzzuchtfarm, wo Reishi-Pilze wachsen, in China bekannt als Pilz der Unsterblichkeit. Durch diese spirituelle Anlage und die bunten Farben erlangt die Arbeit kontemplativen Charakter.

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Unterbau aus Holzstelzen

Tatsächlich scheint man sich hier vielmehr auf einem Abenteuerspielplatz als in einer Kunstausstellung zu befinden: schnell ergibt sich der Dialog mit anderen Besuchern, werden Ankömmlingen aus den schmalen Gängen die Hände gereicht, toben Kinder ausgelassen durch die Räume. Jegliche Etikette wird beim Einstieg in das Labyrinth der Frères Chapuisat abgestreift und ein intimer Raum geschaffen, der das kollektive Prinzip zelebriert. Die Grenzen von Lebens- und Kunstraum verwischen – dies wird auch in der Figur der Künstler deutlich: „Les Frères Chapuisat“ leben als Nomaden in und mit ihrer Kunst, die erst in der Gemeinschaft technisch realisierbar wird und ihre ästhetische Erfüllung findet.

Die Ausstellung mit dem Titel „Excrescence of Immortality“ ist noch bis 23. August 2015 in der Villa Merkel in Esslingen zu sehen.

Bildrechte: Villa Merkel