360°

Hempmade – mit Hanf zu mehr Transparenz in der Textilindustrie

Nepal. Bei diesem Stichwort denken wir seit Anfang des Jahres leider nicht mehr nur an exotische Tempel, hohe Berge und bunte Gebetsfahnen, die im Wind wehen. Die Schreckensbilder nach den verheerenden Erdbeben werden uns alle noch lange begleiten. Viele von uns haben damals für die Erdbebenopfer Geld gespendet, um die Versorgung mit Lebensmitteln und den Wiederaufbau der zerstörten Häuser zu beschleunigen.

Doch auch vor dieser Katastrophe war Nepal kein besonders reiches Land. Vor allem Bauern, die in abgelegenen Teilen der Gebirge wohnen, haben oft keine Aussicht auf eine selbstständige Zukunft und sind angewiesen auf die immer geringer werdenden Erträge aus Landwirtschaft und Viehzucht. Um auch in diesen Gebirgsregionen den Fortschritt voran zu treiben und den Menschen die Möglichkeit auf Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu bieten, vergeben viele Organisationen sogenannte Mikro-Kredite. Mit ihnen können sich die mittellosen Bauern den Traum eines eigenen Gewerbes erfüllen. So entstehen zum Beispiel in Eigenregie Nähereien, Lebensmittelläden oder Rikscha-Unternehmen.

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Mit Regen fing alles an

Vom Ergebnis solcher Mikro-Kredite profitiert auch Hempmade. Hempmade, das sind Rucksäcke aus Hanf, handgefertigt von Bewohnerinnen einer abgelegenen Bergregion im Himalaya. Die Frauen nutzten die Kredite um Produktionsstätten zu schaffen und sich ein kleines Gewerbe aufzubauen. Die fertigen Rucksäcke werden von Hempmade aufgekauft und weitervertrieben. Aus diesem kleinen Projekt in Nepal wurde im Dezember 2014 ein deutsch-nepalesisches Startup – dank der Kommunikationsfreudigkeit einer Nepalesin, der Reisefreude eines deutschen Studenten und einer Schlechtwetterfront.

Der Student Lukas Hinkelmann wollte an diesem Tag im Dezember eigentlich schon abgereist sein, doch das schlechte Wetter zwang ihn zu bleiben. So lernte er Rhitu Didi kennen. Ihr langes Gespräch brachte sie auch auf Rhitus Projekt-Ideen. Neben dem Rucksack-Projekt plant sie zum Beispiel den Bau eines Altenheims in der abgelegenen Bergregion, in der sie aufgewachsen ist. Von diesen Vorhaben und von ihrer Einsatzbereitschaft war Lukas sofort beeindruckt. Zum Abschied fragte sie ihn, ob er nicht von Deutschland aus mit ihr zusammen arbeiten wolle. Nach zwei Wochen Bedenkzeit sagte er zu.

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Souveränität für die Menschen vor Ort

Der 23-Jährige mit den zerzausten Locken lacht begeistert, als er von dieser zufälligen Begegnung erzählt. Hätte damals die Sonne geschienen, hätte er heute bei weitem nicht so viel zu tun. Denn seit Anfang des Jahres steckt er jede freie Minute in dieses Projekt. In 4 Wochen reist er erneut nach Nepal, um sich die Produktionsstätten persönlich anzusehen und sich ein Bild davon zu machen, welche Schäden die Erdbeben angerichtet haben. Außerdem möchte er diesen Besuch nutzen, um ein Werbevideo für eine Crowdfunding-Plattform zu drehen und so das Projekt weiter anzukurbeln. Doch vorher steht noch der Start des Onlineshops an. Am 10. Juli soll die Homepage (www.hempma.de) online gehen. Bisher ist Hempmade nur über Facebook erreichbar, kaufen kann man die Rucksäcke hier noch nicht. Sobald der Shop aber für Umsatz sorgt, sollen 30 % der Einnahmen direkt nach Nepal gehen – ab nächstem Jahr, sobald sich der Shop etabliert hat, dann sogar 50 %.

„Die Menschen vor Ort wissen am besten, wo das Geld gebraucht wird und wo es hingehen soll. Daher überlassen wir das den Bewohnern. Wir möchten damit strukturellen, nachhaltigen Wandel vorantreiben und natürlich den Wiederaufbau unterstützen.“

Außerdem sollen alle vom eingenommenen Geld profitieren, nicht nur die, die direkt mit Hempmade oder dem Hanfanbau in Verbindung stehen. Das reicht von sicheren Unterkünften und dem Freilegen verschütteter Straßen bis zu dem Plan, dringend nötige Solaranlagen in die hochgelegenen Regionen zu bringen. Sein Ziel ist komplette Transparenz – eine Eigenschaft, die in der Textilindustrie nicht gerade häufig zutrifft. Das möchten Rhitu Didi und Lukas ändern. Und so auch aufzeigen, dass umweltschonende, faire und nachhaltige Produktion sehr wohl möglich ist. Das Herzstück bietet dabei das Material selbst.

Hanf, das vergessene Allround-Talent

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Dass Hanf schon lange zur Textilgewinnung dient, wusste ich, und auch von Hanfseilen hatte ich schon gehört. Die T-Shirts und Hosen in meinem Kleiderschrank sind trotzdem zumeist aus Baumwolle. Dabei bietet Hanf enorme Vorteile gegenüber Baumwolle, wie mir Lukas erklärt. Mit derselben Menge Wasser, die für den Anbau eines Hektars Baumwolle nötig ist, lassen sich zwei Hektar Hanf bewirtschaften, doppelt soviel also. Der Anbau ist fast überall möglich, da Hanf auf fast allen Böden und klimatischen Bedingungen wächst. Außerdem wächst er deutlich schneller und laugt den Boden nicht aus. So wird nicht nur Dünger überflüssig: die besonders widerstandsfähigen Pflanzen sind von Natur aus resistent gegen die meisten Krankheiten und machen so den Einsatz von Pestiziden hinfällig. Das schont nicht nur das Grundwasser, auch der Endverbraucher profitiert von unbelasteten Stoffen. Die fertigen Textilien seien außerdem viel belastbarer als vergleichbare Stoffe aus Baumwolle. Auch vielfaches Waschen oder ständiges Tragen beschädigen die Struktur nicht. Gerade bei Rucksäcken ist das eine wichtige Eigenschaft. „Aber das ist noch nicht alles, Hanf ist noch so viel vielseitiger!“ ergänzt Lukas begeistert. Bevor er in den 1920er Jahren in Verruf geriet und teilweise verboten wurde, war Hanf wichtiger Rohstoff zur Papiergewinnung. Und eignet sich dafür eigentlich sogar besser als Holz, da er schneller wächst und einfacher zu verarbeiten ist. Zudem kann er zu Bio-Treibstoff verarbeitet werden, woran momentan geforscht wird. Doch schon jetzt wird es an anderer Stelle in der Automobilindustrie verwendet: als Material für Karosserieteile. Bereits in den 1940ern fertigte Henry Ford ein Auto aus Hanf- und Soja-Plastik. Im Jahr 2010 nahm der Autohersteller Lotus dieses Konzept wieder auf. Mittlerweile experimentieren viele große Autofabrikanten mit dieser Alternative.

Jeder Unterstützer hat eine Stimme

Diesen Wiederaufschwung eines vergessenen Rohstoffs unterstützen Lukas und Rhitu mit ihren Rucksäcken. Außerdem verbinden sie moderne Bedürfnisse mit traditionellem Handwerk: mit Laptopfach, zwei Flaschenhaltern und diversen kleineren Innenfächern sind die wasserdichten Rucksäcke perfekter Begleiter. Gleichzeitig bringen die traditionellen nepalesischen Muster ein wenig Farbe und Abwechslung in den oft eher gräulichen Alltag. Wer sich weiter über Hempmade informieren möchte, kann das auf Facebook (www.facebook.com/Hempmade.info) und ab dem 22.7. auf www.hempma.de tun. Sobald das Geschäft läuft, sollen auch die Endverbraucher ein Mitspracherecht erhalten, was mit den Einnahmen genau geschehen soll und wie es weitergeht mit Hempmade.

„Ich hab keine Ahnung wo das ganze hinführt. Das Ziel ist es, damit an einen Punkt zu kommen, an dem Menschen davon einen Nutzen haben. Rucksack-Träger wie auch Produzenten. Es soll ein Win-Win Projekt werden.“

Der Grundstein ist gelegt und wir sind gespannt, wie es in den nächsten Monaten weitergeht mit diesem innovativen und vielversprechenden Startup.

Bildrechte: Lukas Hinkelmann
Kategorie: 360°

von

Bianca

Liest gern Bücher, schaut und macht gern Filme und ab und an backt sie was. Blogs sind eigentlich gar nicht so ihr Ding. Aber was tut man nicht alles, wenn man was mit Medien studiert. Und wenn sie ehrlich ist, macht's ja irgendwie doch auch Spaß.