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Die neuen Facebook-Reactions – stirbt der Kommentar aus?

Seit gestern sind sie da – die neuen Facebook-Reactions. Der „Gefällt mir“-Button wurde umdesignt und um fünf weitere Reaktionen ergänzt: Ein Herz (Love) und vier gelbe Emoji-Gesichter, die die Emotionen Trauer, Wut, Freude (Haha) und Überraschung (Wow) verkörpern sollen.

Obwohl seit weniger als 24 Stunden aktiviert, werden die neuen Reactions schon fleißig benutzt. Beim Scrollen durch meine Timeline sehe ich, dass ein Artikel der Vice über ein Folter-Experiment Überraschung und Trauer hervorruft, eine t3n Nachricht über ein neues Smartphone Überraschung und Herzchen:


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Screenshots via Facebook (24.02.2016)

Seit es Facebook und seinen „Gefällt mir“-Button gibt, fordern einige Nutzer auch einen „Gefällt mir nicht“-Button, um Ablehnung mit einem Mausklick symbolisieren zu können. Ein duales System aus Daumen hoch und Daumen runter ist auf anderen Seiten normal und funktioniert – Facebook lehnt den Daumen runter aber seit jeher ab. Schon 2009 äußerte sich Zuckerberg zu diesem Thema und warnte, dass negative „Gefällt mir nicht“-Angaben zu einer schlechten Stimmung führen könnten:

„Facebook will Miesepetern kein Podium bieten und vermeiden, dass unter positiven Status-Updates eines Nutzers „Gefällt mir nicht“-Äußerungen anderer erscheinen – beispielsweise aus Missgunst, Eifersucht oder schlechter Laune.“

(welt.de, 16.12.09.)

Klar, man stelle sich vor, dass jemand ein Selfie von sich postet und es „Gefällt mir nicht“-Daumen hagelt.. #cybermobbing2k16.
 In anderen Kontexten könnte ein „Gefällt mir nicht“-Button etwas anderes ausdrücken, zum Beispiel Trauer über die Meldung des Todes einer bekannten Person, oder „Ich bin nicht deiner Meinung“ wenn es um eine politische Diskussion geht.

Gelegentlich sehe ich in meiner Timeline eine (traurige) Meldung in Kombination mit dem Hinweis „‘Gefällt mir‘-Angaben werten wir als Ausdruck des Mitgefühls oder als Danke für die Recherche“.

Das Problem an Like und Dislike ist also die fehlende Eindeutigkeit – und genau aus diesem Grund hat Facebook die Reactions entwickelt. Die Auswahl der Emotionen Trauer, Freude, Überraschung und Wut hat Facebook mit Sicherheit nicht dem Zufall überlassen. Vermutlich handelt es sich um diejenigen Emotionen, die am häufigsten dazu führen, mit einem Post in der Timeline zu interagieren. Das Problem, bei einer traurigen Nachricht nicht „Gefällt mir“ klicken zu wollen, hat sich nun auch erledigt – den Ausdruck meiner Gefühle überlasse ich einfach dem kleinen gelben Wesen, dem eine Träne aus dem linken Pixelauge kullert.

Wird Kommunikation so erleichtert oder zu einem Einheitsbrei kindischer Smileys vermischt?

Meine These: durch die Erweiterung bzw. Ausdifferenzierung der „Gefällt mir“-Angabe werden in Zukunft weniger Kommentare geschrieben.

Social Influencer beobachten es schon seit Monaten: Eine Seite oder ein Profil mag zwar viele Follower haben, doch die bedeutende Zahl ist die der Interaktionen, also bei Instagram zum Beispiel die Herzchen und Kommentare, bei Twitter die Favs und Retweets und bei Facebook eben die Likes und Kommentare. Ein Kommentar ist logischerweise in diesem Währungssystem mehr „wert“, weil es mehr Zeit und Gehirnschmalz der Follower in Anspruch nimmt, eine Rückmeldung zu tippen, als nur einen schnöden Button zu klicken. Dadurch, dass die neuen Reaktionen nun die häufigsten Antworten vorweg nehmen, werden in Zukunft vermutlich weniger Leute „wow“ und einen Herzchen-Smiley ins Kommentarfeld tippen.

Noch ein paar Gedanken zur Gestaltung der Facebook-Reactions:

Facebook hat ja nun wirklich die Ressourcen, um anständige Designer anzuheuern – warum dann also das bunte, kindisch anmutende Design? Konnten etwas schlichtere Smileys die Emotionen nicht gut genug rüberbringen und wurden in Tests weniger häufig verwendet?

Oder will der Konzern etwa eine jüngere Zielgruppe ansprechen; die Teenager, die alle ihre Facebook-Accounts löschen oder sich gar nicht erst anmelden? Unter den Teenagern hat Facebook den Status des wichtigsten sozialen Netzwerks längst verloren. Eine Statistik aus dem Jahr 2014 zeigt, dass die 13-17 Jährigen die zweitkleinste Gruppe an Nutzern ist – gleich hinter den Generation 55+. (statista.com)

Teens nutzen WhatsApp als Messenger, um mit Freunden zu kommunizieren. Zur Selbstdarstellung sind Instagram, Snapchat und YouTube beliebt. Interessanterweise handelt es sich bei allen dreien um visuelle Medien, die kaum Text beinhalten – was wieder für die These spricht, dass in den sozialen Medien immer weniger geschrieben wird.