360°

Es war einmal ein Land…

… das unter dem Namen „Jugoslawien“ eine vielfältige Mischung aus Kulturen, Religionen und Mentalitäten subsumierte. Heute existiert es nicht mehr. Die bis dato zahlreich ausgetragenen Konflikte fanden Eingang in die Kunst und Architektur und wurden auf außergewöhnliche Art memoriert.

Architektur gegen das Vergessen

In den Jahren zwischen 1960 und 1980 gab der jugoslawische Staatschef Josip Broz Tito mehrere Monumente bei Architekten in Auftrag, um den Opfern des Faschismus Tribut zu zollen. Diese sind über das gesamte Territorium Ex-Jugoslawiens verstreut und wurden an abgelegenen Stellen in freier Natur platziert. Sie muten surreal, futuristisch und mystisch an und erscheinen wie Schauplätze hybrider Phantasiewelten, in denen Raum und Zeit implodieren. Die Erbauer entschieden sich für eine symbolische Sprache, die frei von nationalen, religiösen oder politischen Färbungen und für eine möglichst viele Menschen verständlich sein sollte.

Bogdan Bogdanovic, einst Dekan der Fakultät für Architektur an der Universität Belgrad, Stadttheoretiker und Bürgermeister Belgrads, war einer dieser Architekten und realisierte in den Jahren zwischen 1950 und 1980 über zwanzig solcher Monumente. 1951 gewann er den Wettbewerb zur Errichtung eines Denkmals auf dem jüdischen Friedhof in Belgrad. Das „Denkmal für die jüdischen Opfer des Faschismus“ sollte den über 9000 Belgrader Juden gedenken, die von der deutschen Wehrmacht verschleppt und getötet wurden.

Denkmäler sind unsterbliche Repräsentanten der Vergangenheit. Sie besitzen eine eigene Daseinsberechtigung und sind nicht da, um schön anzuschauen zu sein, sondern um zu existieren. Sie erinnern daran, welcher Weg gegangen wurde, um das zu sehen, was heute ist. Bogdanovics Monumente sind außergewöhnlich vielschichtig. Sie erzählen dem Betrachter etwas über Kämpfe, über Geschichte, über einen einzelnen Ort und ein ganzes Land. Sie reflektieren eine gesamte Nation, eine Gesellschaft und sind ein Mahnmal zugleich. Bogdanovic führt einen Krieg gegen das Vergessen und gleichzeitig einen Krieg gegen die allzu starre Erinnerung. Seine Baudenkmale implementieren neue Reminiszenzen in das kollektive Unterbewusstsein einer Nation, indem sie Menschen über gescheiterte Träume, unverwirklichtes Leben, Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit spekulieren lassen.

Dabei ist es nicht verwunderlich, dass die Wahl des Baumaterials stets auf Beton fiel. Aufgrund des Materials, der Konstruktionsmethode und der immensen Größe scheinen die Gebilde unzerstörbar zu sein. So wie die Wahrheit alles überdauern soll, so sollen auch die Figuren für immer existieren. Bogdanovics Denkmäler sind architektonisches, kulturologisches und anthropologisches Gemeingut. Kaum ein anderes Material wird dessen einkehrenden Verfall vorteilhafter sichern können. Diese Bauwerke können auch als Manifeste menschlicher Kraft gelesen werden und verdeutlichen, dass jene nicht nur schöpferisch, sondern auch destruktiv sein kann.

Memoria & Utopia

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges lag Jugoslawien brach, in Ruinen zerfallen. Die Regierung Titos erklärte die Absicht dem Land eine neue Richtung zu geben und weitete ein striktes sozialistisch-kommunistisches Regime auf die sechs ehemaligen Republiken Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Slowenien und Montenegro aus. Ein Experiment, welches aus den diversen ethnischen Gruppierungen eine gemeinsame Nation hervorbringen sollte, ein gemeinsamer „Spirit“, ein Gefühl des Nationalismus und Patriotismus zwischen den diversen ethnischen Gruppierungen sollte etabliert werden. Dieser Plan war gezeichnet von der verstärkten Schöpfung von Singularitäten. Ein Land des Fortschritts wurde propagiert, das jedem Bewohner die Chance auf ein besseres Leben ermöglichen sollte, ungeachtet der Ethnizität oder Religion.

Der sozialistische Geist fand sowohl in der Kunst, als auch in Bauprojekten Ausdruck. Architektur spielte auf diesem Territorium eine essentielle Rolle, indem sie als Instrument der Repräsentation sozialistischer Ideologien diente. Analogien wurden hergestellt, indem das Gefühl von Macht, Stabilität und Beständigkeit buchstäblich in Beton gegossen wurde. In Titos Jugoslawien waren diese stark funktionellen Einflüsse durchaus wahrnehmbar, jedoch ging es etwas weniger konstruktivistisch und dogmatisch als in Russland zu. Dennoch war künstlerische Freiheit nur punktuell und kontrolliert „zugelassen“. Die Denkmäler sind ein Positivbeispiel – die Künstler schafften es auf intelligente Weise Geschichte ästhetisch zu codieren.

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Das Leben ist stärker als der Tod

Im Jasenovac-Gedenkpark steht die „Steinerne Blume“ Bogdanovics. An diesem Ort stand zur Zeit des zweiten Weltkrieges das größte Konzentrationslager Südosteuropas.
Auch bei dieser monumentalen Betonskulptur überlagern sich diverse Texturen. Bogdanovic spielt mit gängigen Gestaltungstopoi des sozialistischen Realismus, indem er die Blume als eines der gängigen Motive aufgreift. Die Blume kann Symbol der Vergänglichkeit aber auch der Hoffnung sein, denn nur auf fruchtbarem Boden kann etwas blühen, eine neue Zukunft für ein Land mit sperriger Perspektive. Er entschied sich für ein Symbol der Wiedergeburt, Schönheit und Verletzlichkeit, anstatt die Grausamkeit symbolisch zu reproduzieren. Aus Beton geformt und somit ewig und unsterblich. Den Toten eine Blume, die nie welken wird. In der Literatur der Romantik stand die „blaue Blume“ für die Sehnsucht nach etwas utopischem, einer nie erreichten Sache und dem Streben nach Unendlichkeit.

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Miodrag Zivkovic ist ebenfalls Architekt und war Dekan der Universität der Künste in Belgrad. Sein „Denkmal der Schlacht an der Sutjeska“ in Tjentiste setzt sich aus zwei 19 Meter hohen, symmetrisch angeordneten Betongebilden zusammen, die in der Mitte einen Durchblick erlauben. Zivkovics Denkmal suggeriert Gewalt und deren Dynamik, möglicherweise aber auch die Durchbrechung dieser, einen Triumph – in Form von angedeuteten Flügeln.

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Zivkovics „Denkmalkomplex in Kadinjača“ zeichnet sich durch klare Formen, eine geometrische Anordnung und wenig Kriegssymbolik aus. Einzig ein Loch im vordersten Betonblock deutet die Durchdringung mittels einer Kugel oder eine Schusswunde an.

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Durch das Platzieren der Skulpturen werden neue öffentliche Räume geschaffen, die vielmehr eine Idee sind als bloß ein Ort. Es wird eine Symbiose aus Dystopie und Utopie eingegangen: Einerseits werden die Menschen gehuldigt, die dem Krieg gegen den Faschismus zum Opfer gefallen sind und andererseits soll eine zuversichtliche Botschaft für eine positive Zukunft postuliert werden. Darüber hinaus verkörpern diese Denkmäler den Geist und den Glauben an die Zeit der Gründung „Jugoslawiens“, als das Miteinander harmonisch und idyllisch zu funktionieren schien. Gleichzeitig suggerieren sie den Zerfall dieser Idee, ergo die Bürgerkriege aus den 1990-er Jahren. Jahrzehntelang peilten Exkursionen jeglicher Art die Denkmäler an und nahmen den Raum für sich ein.

Hierdurch scheint der Plan der entwerfenden Architekten aufgegangen zu sein. Ein Plan mit dem Ziel, öffentliche Räume für die Vermittlung einer Botschaft und des Diskurses zu bilden. Es gilt hierbei nicht eine Lösung für das endgültige und „richtige“ Verarbeiten der Vergangenheit oder einen Zukunftsplan vorzuhalten, vielmehr gilt es das Geschehene zu memorieren und eine Haltung gegenüber der Vergangenheit und der Zukunft zu finden.

Fotocredits:

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