360°

Die Digitalisierung der Musikproduktion

Wie entsteht Musik?  Man sitzt heute nicht mehr – wie man es sich so romantisch vorstellt – alleine bei Kerzenlicht, mit einer Flasche Wein und der Gitarre im Wohnzimmer und schreibt neue Lieder. Man verbringt auch nicht mehr Stunden in einem muffigen Kellerloch, um sich zusammen mit seiner Band bei jeder Probe zu betrinken, wodurch die Songs dann erst so richtig „authentisch“ werden. Nein, heute sitzt man – ob Elektro, Rock oder Metal – alleine vorm PC und macht da seine Musik. Komponieren, aufnehmen, abmischen, das ist alles problemlos am privaten Computer und im kleinen günstigen Heimstudio möglich. Ein gebrauchtes Audiointerface plus gebrauchte Monitorboxen plus Mikro plus Aufnahmeprogramm ist für unter 1000€ zu haben und nur ein wirklicher Experte mit einer wirklichen High-End-Anlage kann am Ende noch einen Unterschied zur Produktion aus einem professionellen Studio erkennen – vorausgesetzt man weiß was man da macht.

Ich habe mir vor kurzem ein paar neue Programme bzw. Plugins besorgt (nicht nur „besorgt“, sondern sogar gekauft!). Professionelle Musikplugins kann man sich als Privatperson heute auch gut selber leisten. „Musikprogramme“ klingen erstmal nach Synthesizer und elektronischer Musik, ich persönlich habe sie mir vor allem wegen der Akustik-Samples besorgt.

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Seit fünf bis zehn Jahren gibt es digitale Soundbibliotheken, die früher mal unbezahlbar und zu nicht besonders viel zu gebrauchen waren. Richtig sinnvoll und professionell arbeiten kann man damit erst seit ca. fünf Jahren. Ich habe z. B. eine Schlagzeug-Soundbibliothek – ein paar Schlagzeugsamples. Es haben sich also mal ein paar Toningenieure einen Schlagzeuger geholt, diesen an ein Schlagzeug in einem perfekt für Schlagzeugaufnahmen geeigneten Raum gesetzt und dann mit den besten auf dem Markt verfügbaren Mikros aufgenommen. Allerdings hat dieser Schlagzeuger dabei nicht wirklich Schlagzeug gespielt und verschiedene Beats aufgenommen, sondern auf verschiedene Trommeln, auf jedes Becken, auf unterschiedliche Snares und Bassdrums einmal draufgeschlagen und nur dieser eine Schlag wurde perfekt aufgenommen. Und das wurde bei jedem Schlagzeugelement auf so viele unterschiedliche Arten und mit so vielen unterschiedlichen Stärken wie möglich gemacht. Natürlich auch nicht nur mit einem Schlagzeug in einem Raum, sondern mit allen professionellen Schlagzeugen in vielen unterschiedlichen Räumen. Somit hat man dann am Ende tausende von kleinen kurzen Schlagzeugaufnahmen. Also Tausende unterschiedliche Aufnahmen von Schlägen auf Becken, auf Snares, auf Bassdrums.

Jetzt sitze ich Zuhause mit meinem kleinen Keyboard vor meinem kleinen Laptop und je nachdem wie stark ich auf die Tasten drücke wird eine andere Aufnahme abgespielt. Drücke ich auf das tiefe C, so werden die Bassdrum-Aufnahmen abgespielt, drücke ich eine Oktave höher, erklingt eine Highhat. Von den ganzen Verknüpfungen und Verbinden zwischen den Aufnahmen und den Tasten sieht man nichts außer einem kleinen USB-Stecker und einem schönen Programminterface mit dem abgebildeten Schlagzeug, das man gerade hört.

Und so habe ich nicht nur ein Schlagzeug, sondern auch Trompeten, Hörner, Geigen und Pauken. Ich kann nun also an meinem kleinen Laptop sitzen und auf dem kleinen Keyboard, mit dem ich das Programm bediene rumspielen und ich höre ein ganzes Orchester vor mir. Ein echtes Orchester, aus echten Instrumenten, das jedoch nie genau diese Töne in genau dieser Reihenfolge gespielt hat.

Diese Möglichkeiten bewirken große Veränderungen in der ganzen Musikproduktion. Große Studios werden nicht mehr so sehr gebraucht und das wofür man früher 100.000€ ausgeben musste um es überhaupt produzieren zu können, kann heute jeder einfach so Zuhause machen. Es findet also eine Demokratisierung der Musik und eine Selbstprofessionalisierung der Musikproduktion statt. Und da nicht nur die Musikproduktion sondern auch die Musikdistribution digitalisiert und nicht mehr auf CD-Pressung und Verlage angewiesen ist, kann auch jeder seine selbstgemachte Musik gleich online zur Verfügung stellen.

Der Musikmarkt wird also geflutet von selbstgemachter Musik. Das hat natürlich auch zur Auswirkung, dass die musikalischen Subkulturen immer divergenter werden und sich immer feinere Nuancen und Unterschiede zwischen den Stilen ergeben. Also eine kulturelle Bereicherung. Andererseits tritt der Effekt auf, dass „unprofessionell“, also zuhause produzierte Musik das allgemeine Niveau senkt und hochwertige Musikprodukte sich aufgrund der sehr viel höheren Kosten nicht mehr lohnen. Und dass, obwohl die technischen Möglichkeiten da sind und man heute qualitativ viel bessere Musik machen kann als je zuvor.

Diese allgemeine Demokratisierung hat den Vorteil, dass ich die Musik machen kann, die ich machen möchte, was vor 10 Jahren noch völlig unbezahlbar gewesen wäre. Andererseits weiß ich auch, dass gerade dadurch die Chancen, von der Musikproduktion leben zu können, sehr klein geworden sind und auch die Leute, die schon länger im Business arbeiten, Probleme bekommen.

Es findet also ein allgemeiner gesellschaftlicher Wandel statt, der alte Hierarchien verändert und dadurch ’so manchen Menschen den Job kostet. Dennoch klingt diese Entwicklung allgemein eigentlich mit „Demokratisierung“ und „Gleichberechtigung“ relativ positiv. Welche Langzeitfolgen – ob positiv oder negativ – das auf die Entwicklung der Musik hat wird sich allerdings noch zeigen.

Titelbild via splitshire.com (CC0)
Kategorie: 360°

von

Jo

Student - Musiker - Langschläfer. Und wie so häufig einziges "männliches" Mitglied der Gruppe.