Werkschau

Die Banalität der Privatsphäre

Während sich Senioren bei Facebook anmelden und Mittvierziger WhatsApp (und die ungemein praktischen WhatsApp-Gruppen) für sich entdecken, sind diese Apps unter Teenagern schon wieder out.  Sie nutzen neue Apps wie Snapchat oder YouNow, um mit Freunden und Fremden zu kommunizieren.

Oft präsentieren sie dabei ganz banale Dinge: Die NutzerInnen fotografieren etwa ihr Mittagessen, filmen sich beim Chillen mit Freunden oder erzählen der Kamera von ihrem Tag.

Eigentlich ja nichts schlimmes, oder? Sollte man sich Sorgen machen, dass sie diese Informationen ins Internet stellen? Oder ist es nicht trotzdem privat, auch wenn es banal ist? Diesem Phänomen sind wir in einem rund vierminütigen Radiobeitrag auf den Grund gegangen, den ihr euch im Player anhören könnt:

Dieser Radiobeitrag entstand im Sommersemester 2015 im Rahmen der Mediendozentur, einer Kooperation der  Universität Tübingen und des SWR-Studios Tübingen.

Transkript: 

Dass man Fremden im Chat nicht seine Adresse verraten oder Bikini-Fotos bei Facebook hochladen sollte, sollte den meisten Internetusern mittlerweile klar sein. Trotzdem geschieht es immer wieder. Und noch viel öfter werden Informationen öffentlich gemacht, die die Betroffenen als banal empfinden.

Zum neuesten Trend gehören derzeit Apps und Online-Dienste wie Snapchat oder YouNow.  Per Text, Bild und Video geben gerade Jugendliche viele Informationen preis, die einen sehr detaillierten Einblick in ihr alltägliches Leben geben. Und die eigentlich gesetzlich als sogenannte Privatsphäre geschützt sind. Kritiker und Fachleute halten das falsch bis gefährlich. Doch gerade bei Jugendlichen merkt man: Im digitalen Zeitalter wandelt sich, was als intim oder privat empfunden wird.


7:30 Uhr: Mandyluuu98 putzt sich die Zähne und filmt sich dabei, währenddessen postet Cash5ooo ein Foto von seinem Müsli bevor es in die Schule geht

9:30 Uhr: Große Pause, und Zeit für ein Selfie von Xlara61 samt ihren Freundinnen auf Snapchat

14:00 Uhr: Mandyluuu98 geht mit den Freundinnen Shoppen und postet ein Bild aus der H&M-Umkleide während mervun15 live aus der Fußballkabine bei YouNow streamt

21:00 Uhr: Partyzeit, die Hemmschwelle sinkt: alle posten Videos und Selfies


Obwohl wir die Personen nicht kennen, wissen wir nun, was sie den ganzen Tag machen. Wie das Badezimmer aussieht. Wer die Freunde sind. Was sie gerne essen. Nach einer Woche als Follower weiß man mehr über diese Unbekannten als es gut ist, auch wenn es nur banale Informationen sind. Privat ist es ja irgendwie trotzdem.

Tübinger Schüler scheinen sich offenbar keine Sorgen um ihre Privatsphäre zu machen:

Nein, man hat da ja nur seine Freunde. Meistens.“

„Mir geht’s auch so, und ich achte auch immer so drauf, bei manchen Dingen und so, ob ich das jetzt posten soll oder nicht.

Für Jugendliche ist der Umgang mit diesen Apps also nichts Ungewöhnliches. Sie gehen davon aus, dass sie über genügend Medienkompetenz verfügen, um sich sicher im Netz zu bewegen.

Der Jugendsachbearbeiter Marcel Blickle der Polizeidienststelle Metzingen ist da skeptisch:

„Ich glaube, die Kinder sind da sehr blauäugig, in jeder Hinsicht“


Auch der Medienpädagoge Jörg Litzenburger sieht den leichtfertigen Umgang mit der Privatsphäre kritisch. Aus seiner Sicht wissen die Jugendlichen zu wenig, unterschätzen die Gefahr und die Erwachsenen tun zu wenig dagegen. Ein unglückliches Zusammentreffen von Unwissenheit und Leichtsinn:

„Also ich denke mal, beides gehört zusammen, weil das Verständnis dafür meiner Meinung nach zu wenig geweckt wird, von einerseits Lehrenden, nehmen wir mal den Bildungsbereich, den schulischen Bereich, zum anderen einfach natürlich die Nummer 1 der Erziehungsverantwortung, nämlich die Elternhäuser, weil da oft auch ein mangelndes Wissen vorhanden ist.

Weil ich heute einfach erlebe, dass schon Grundschüler im Internet sind, dass sie Smartphones haben, und natürlich völlig ungeschützt da sind; und eben auch diese ganze Welt, die sich dahinter verbirgt, nicht verstehen.“

Jugendliche haben eine andere Vorstellung von Privatsphäre als ältere Generationen. Durch die Digitalisierung hat sich die Privatsphäre verändert, jeder der im Internet präsent ist, gibt einen Teil davon preis.  Es scheint, als müsste die Definition dieses Begriffs generell überdacht werden, da in der heutigen Zeit nicht mehr die gleiche Privatsphäre möglich ist, wie noch vor ein paar Jahren.

„Ich denke mal, dass ich Privatsphäre in den 50er Jahren völlig anders definiert hab wie Privatsphäre heute ist, und dass vor allem junge Menschen einfach eine viel mehr und deutlichere Öffentlichkeit als Privatsphäre beurteilen für sich selbst, da sie ihre Bilder ja sehen wollen. Sie wollen einfach gesehen werden, sie wollen sich präsentieren, was ja unter anderem auch durch andere Medien unterstützt wird. Man denke nur an Sendungen ‚wie ‚Deutschland sucht den Superstar‘, ‚Germanys Next Topmodel“ und so weiter. Es geht um das Sich-Präsentieren.“

Die Digitalisierung führt zu einem anderen Verständnis von Privatsphäre in unserer Gesellschaft. Auf die leichte Schulter nehmen sollte man das allerdings trotzdem nicht:

„Wenn ich mit Jugendlichen, mit Kindern natürlich auf jeden Fall, aber auch wenn ich mit Jugendlichen darüber spreche, sage ich auch: Überlegt euch immer mehrmals was ihr für Bilder ins Netz stellt.“

Titelbild via kaboompics.com (CC0). 
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