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Lebe lieber unsichtbar

Erinnerungen stehen wie Einmachgläser im Keller des Lebens. Manche von ihnen sind vergoren, einige angelaufen, andere sauer und ein paar sind süß und knackig wie am ersten Tag. Teilweise wurden sie konserviert, eingefangen in Bildern, Videos und Artikeln, um beweisen zu können, dass man in gewissen Augenblicken auf eine bestimmte Art und Weise existiert hat. Der Tarnumhang der 90er Eine Kiste voller Erinnerungen steht auf dem alten Korkfußboden. Darin liegen Alben mit eingeklebten Bildern und Texten. Daneben Fotoumschläge von Ihr Platz, der örtlichen Drogeriekette, deren Klebeverschlüsse beim Öffnen vielversprechend knarzen – wie damals, als man den fertig entwickelten Film aufgeregt abgeholt hat. Im Innern befinden sich haptische Relikte aus der prädigitalen Zeit. Die konservierte Essenz meiner Jugend auf Hochglanzpapier: Tattooketten und abgeschnittene Jeans; Blocksträhnen, Gel-Igel und McDonalds-Frisuren aka Nick Carter´s Frisur als Backstreet Boy; Döner und Rausch auf Wiesen und Feldern; Flips in der Nase und Edding im Gesicht – wer im Bus einschläft, verliert; die Idee von Freundschaft und der Versuch, auf Fotos gut oder wenigstens cool auszusehen – dann die Enttäuschung bei Abholung …

Webdoku: Bloggen als Beruf

Geld verdient sich beim Bloggen nicht von alleine! Es reicht eben nicht, seinen Trainingspost mit ein paar netten Bilder von sich in Sportklamotten zu bebildern, um es Turnschuhe und Equipment von renommierten Sportherstellern hageln zu lassen. Wir haben uns mit drei Bloggern über die Professionalisierung und die Monetarisierungsmöglichkeiten von Blogs unterhalten. Alle drei bringen die Substanz eines erfolgreichen Blogs auf einen Nenner: Bloggen ist Arbeit. Erfolgreiche Blogger zeichnen sich durch Kontinuität, stete Aktivität, einen präzisen Redaktionsplan und professionelle Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern aus. Die Einhaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen sollte selbstverständlich sein. Uns interessierte ob es Wochen, Monate, Jahre braucht, bis man mit seinem Blog Geld verdienen kann? Ob man vom Vollzeitbloggen leben kann? Wie viel Zeitaufwand steckt wirklich hinter einem Blog?  Wie wird Social Media strategisch eingebunden und die eigene Reichweite analysiert und gestärkt? Die Antworten verpackten wir in Form einer Webdoku, die wir mit Klynt umgesetzt haben. Dies erlaubt dem User mehr Interaktivität und uns mehr narrative Freiheit. Für das Konzept, die Recherche der Interviewpartner, die Drehs, die Post-Production und die Umsetzung in Klynt gaben wir uns …

Irgendwas mit Medien – Hörfunk

Auf einer Familienfeier fragen die Gäste zwei Geschwister, was sie studieren. Er sagt: „Medizin“ – „Oho“ „Aaah“. Es wird anerkennend geraunt und gleichzeitig wissend genickt. Sie erzählt, dass sie Medienwissenschaft studiert. „Medienwissenschaft? Was ist das?“ und „Wird man damit Nachrichtensprecher bei der Tagesschau?“, wollen Omas Bekannte wissen. Wenn die gleiche Konversation auf einer Party mit jüngeren Besuchern stattfindet, dann folgt oft ein sarkastisches: „Soso, irgendwas mit Medien.“ oder: „Das ist ja cool!“, weil die Person glaubt, dass man ein total aufregendes Lifestyle-Studium absolviert und zukünftig glamouröse Berufsaussichten auf einen warten, bei denen man viele wichtige Leute trifft. Oder im Zweifelsfall wenigstens den ehrwürdigen Job ausführt, über wichtige Leute zu berichten, andere Menschen zu unterhalten und zu informieren beziehungsweise ihnen vorzuschlagen, an was sie denken und was sie gut finden sollen. Oder aber man wird eben doch ein „echter“ Wissenschaftler und untersucht per Eyetracking die Auswirkungen von Gewaltspielen auf Kindergartenkinder. „Irgendwas mit Medien“ ist zu einer geflügelten Redewendung geworden. Sie bezeichnet ein Konglomerat von Berufsfeldern, das im weitesten Sinne mit dem Begriff „Medien“ in Verbindungen gebracht …

Narkotika und Jubilus

Erwachsene Menschen stehen dicht an dicht. Sie tragen „Kutten“ – abgetragene Jeanswesten mit Aufnähern ihres Vereins. Berauscht vom Gemeinschaftsgefühl und narkotisierenden Alkoholika verfallen sie in einen kollektiven Singsang,  die Schals um den Hals, jederzeit bereit, ein Schalspann-Ritual durchzuführen. SCHALALALALAAAAAAAA! Bier, Menschen, Reliquien, Umarmungen, Erbrochenes, Verbrüderung, lachende Gesichter, weinende Männer, Pöbeln, Grölen, große Euphorie – all das ist Fußball. Doch diese assoziative Charakterisierung wird der Sportart nicht gerecht. Fußball ist Kulturgut und Medizin gegen die Unerträglichkeiten des menschlichen Daseins; Heldenreise und Karthasis; eine universelle Sprache und Instrument der Integration und gleichzeitig der Grund für diverse Platzwunden, Alkoholvergiftungen und gebrochene Rippen. Die meisten Kämpfe werden jedoch stellvertretend von der Mannschaft auf dem Spielfeld ausgetragen und die Zahl der Verletzten ist, im Verhältnis zur Größe der Veranstaltung, relativ gering. Mit Emotionen wird beim Fußball nicht gegeizt, Herzblut wird im großen Stil investiert: Aufopferung, Treue und Kasteiung für den Verein sind eine Selbstverständlichkeit – in guten wie in schlechten Zeiten.

Redaktions-Fundstücke im September

Mit Musik durchs Herbstlaub Elisa: Nicht neu, aber immer wieder schön anzusehen und anzuhören. It´s nothing as it seems. Und wer könnte einer Band wiederstehen, die sich Aale nennen? Leo: Dieses Lied bringt mich in stressigen Situationen immer wieder runter. Augen schließen, durchatmen, bis 10 zählen und auf einmal merkt man, dass alles Sinn macht. Bunte Bilder für graue Tage Jo: Ist zwar schon über fünf Jahre alt, aber trotzdem noch einer der innovativsten Werbespots: Er integriert den Zuschauer ins Geschehen und beleidigt ihn dabei auch noch. Trotzdem und obwohl man weiß, dass man sich von Werbung eigentlich nicht beeinflussen lassen sollte, möchte man irgendwie wissen, wie Old Spice denn nun eigentlich riecht. Kato: Mr. Robot: Der menschenscheue Elliot ist Mitarbeiter einer IT-Sicherheitsfirma bei Tag, taltentierter Hacker bei Nacht. Eines Tages wird er von einer Hackergruppe kontaktiert – ihr Ziel ist kein geringeres als eine Revolution. Vielversprechender Plot, viele „WTF?!„-Momente und unerwartete Wendungen im Verlauf der ersten Staffel. Definitiv sehenswert! Elisa: Ich lache selten, wenn etwas lustig sein soll, aber Das Orakel von Selfie ist …

Kurzfilm “ „

  Zwei sich fremde Menschen. Eine Nacht, wenige gemeinsame Stunden. Wortlose Blicke, die das Gegenüber erkunden, abtasten. Neugierig, zuerst zurückhaltend, dann immer vertrauter.    

Wo die Neurosen blühen – im Garten der Gene

Desoxyribonukleinsäure – die Zauberformel unserer menschlichen Existenz. Das Rezept nach dem Menschen gemacht werden, sobald sich die beiden wichtigsten Grundzutaten vermischt haben. Ein bisschen Intelligenz, ein bisschen Haut- und Haarfarbe, ein bisschen Suchtneigung, Erbkrankheit und eine Prise Sommersprossen vielleicht. Nach Belieben zur Garnitur noch ein paar „Worrier“ oder „Warrior“- Gene für die besondere Note. Diese Gene entscheiden darüber, ob das Ergebnis robust und pragmatisch wird oder eher depressiv und lethargisch angehaucht ist. Fertig! Einmal Mensch. Manche sehen darin die göttliche Schöpfung, andere nennen es DNS bzw. DNA – Biomoleküle, aus denen jedes Lebewesen und bestimmte Virenarten bestehen, Träger der unabänderlichen Erbinformationen. Schicksalhaft eingebrannt und dennoch von Zeit zu Zeit mit unvorhergesehenen Überraschungen gespickt. Unsere DNA besteht aus den Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin. Vier Buchstaben – A T G C – in verschiedenen Varianten und Variationen entscheiden darüber, zu welchem Zeitpunkt wir Menschen wachsen, in die Pubertät kommen, krank werden, Locken oder andersfarbige Augen bekommen. Unsere DNA ist eine wunderbar verzweigte, hochkomplexe Bau- und Psychoanleitung. Noch ist sie ein faszinierendes und persönliches Geheimnis. In …

Königinnen des Chaos

Messies leben verwahrlost in vermüllten Wohnungen, wo sich Zeitungsberge, Gerümpel und bizarre Sammelsurien meterhoch stapeln. Für viele Menschen ist das Messie-Syndrom in wenigen Worten auf den Punkt gebracht. Dies ist zum einen sicherlich der Begrifflichkeit geschuldet: von dem englischen Wort mess abgeleitet, beschreibt die Bezeichnung Messie lediglich die äußeren Auswirkungen der Erkrankung, nämlich Durcheinander, Unordnung, Chaos. Auch die Medien, im besonderen das Privatfernsehen, tun ihr Übriges, um diese eindimensionale Betrachtung mit effekthascherischen Bildern zu nähren und tragen selten dazu bei, über das mittlerweile weit verbreitete Krankheitsbild aufzuklären. Meist liegt der Fokus der Berichterstattung auf dem Zustand der Wohnung, was einer wirkungsvollen Bildsprache gerecht wird, nicht so sehr jedoch den Betroffenen und deren Innenleben. Messies sind nicht einfach nur unordentlich oder undiszipliniert. Hinter der Sammelwut, die sehr unterschiedliche Ausprägungen annehmen kann, versteckt sich ein viel tiefer liegendes Problem: meist sind physische oder psychische Erkrankungen die Ursache dafür, dass das innere Chaos der Betroffenen die Körpergrenzen überschreitet und von deren Lebensraum Besitz ergreift. Im folgenden Hörfunkbeitrag erzählen zwei betroffene Frauen von ihren Erfahrungen. Meike und Ingrid sind …

So schmeckt das Schwabenland

Manchmal haben wir ganz einfache Vorstellungen davon, wie Dinge auszusehen haben. Für Feinschmecker kommt ein guter Single Malt aus Schottland. Feinster Mozarella stammt aus Kampanien. Aber habt ihr schon einmal schwäbischen Whisky probiert? Oder Hohensteiner Albzarella geschlemmt? Ein Stück Heimat auf dem Tisch bedeutet in der Region Schwaben nicht zwangsläufig Maultaschen oder Spätzle. Wie schmeckt eigentlich das Schwabenland? Auf der Spur von unerwarteter heimischer Kulinarik. Eine Sendung von Simona Miladinovic und Tanja Synek.   Dieser Radiobeitrag entstand im Wintersemester 2014/2015 im Rahmen der Lehrredaktion Hörfunk, Master Medienwissenschaft, Universität Tübingen. Das Seminar stand unter dem Motto „Heimat“. Ziel war es, sich des Themas „Heimat“ journalistisch und akustisch anzunehmen und es hörbar zu machen. Das Endprodukt ist hoffentlich eine interessante Radiosendung, die nicht nur in der Heimat, sondern auch unter Fremden gerne gehört wird. Dank gilt Prof. Dr. Jürgen Häusermann von der Eberhard Karls Universität Tübingen, Pia Fruth und Nils Keilmann vom SWR. Darüber hinaus bedanken wir uns bei unseren Gesprächspartnern Helmut Rauscher von der Hohensteiner Hofkäserei, Markus Hofmeister von der Destillerie und Genussmanufaktur Rieger und Hofmeister und Prof. Dr. Roman Lenz von der Hochschule …

Im Schwitzkasten

Es ist heiß. Langsam bilden sich Schweißperlen auf meiner Stirn. Auf allen Vieren krieche ich vorwärts, gleichzeitig neugierig und nervös. Meine Knie protestieren gegen die harten Holzbretter unter mir und wecken die Erinnerung an lange vergangene Kindheitstage. Der dunkle Schacht, durch den ich mich zwänge, misst ungefähr einen halben Meter in Breite und Höhe und stellt mich vor immer wieder neue akrobatische Herausforderungen: steile Ecken, die nur in Seitenlage bezwingbar sind, Treppen, die nach unten und nach oben führen, Abschnitte die so schmal sind, dass ich Angst habe steckenzubleiben. Ist der Eingang erst einmal durchquert, sollte man seiner Gelenkigkeit vertrauen, denn Umkehren ist unmöglich. Es ist so ähnlich wie bei geschlossenen Rutschen in Erlebnisbädern, bei denen der Vordermann in einem dunklen Loch verschwindet und bald danach spitze Schreie ausstößt, von denen man hofft, dass es Schreie der Verzückung sind.