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Lebe lieber unsichtbar

Erinnerungen stehen wie Einmachgläser im Keller des Lebens. Manche von ihnen sind vergoren, einige angelaufen, andere sauer und ein paar sind süß und knackig wie am ersten Tag. Teilweise wurden sie konserviert, eingefangen in Bildern, Videos und Artikeln, um beweisen zu können, dass man in gewissen Augenblicken auf eine bestimmte Art und Weise existiert hat. Der Tarnumhang der 90er Eine Kiste voller Erinnerungen steht auf dem alten Korkfußboden. Darin liegen Alben mit eingeklebten Bildern und Texten. Daneben Fotoumschläge von Ihr Platz, der örtlichen Drogeriekette, deren Klebeverschlüsse beim Öffnen vielversprechend knarzen – wie damals, als man den fertig entwickelten Film aufgeregt abgeholt hat. Im Innern befinden sich haptische Relikte aus der prädigitalen Zeit. Die konservierte Essenz meiner Jugend auf Hochglanzpapier: Tattooketten und abgeschnittene Jeans; Blocksträhnen, Gel-Igel und McDonalds-Frisuren aka Nick Carter´s Frisur als Backstreet Boy; Döner und Rausch auf Wiesen und Feldern; Flips in der Nase und Edding im Gesicht – wer im Bus einschläft, verliert; die Idee von Freundschaft und der Versuch, auf Fotos gut oder wenigstens cool auszusehen – dann die Enttäuschung bei Abholung …

Es war einmal ein Land…

… das unter dem Namen „Jugoslawien“ eine vielfältige Mischung aus Kulturen, Religionen und Mentalitäten subsumierte. Heute existiert es nicht mehr. Die bis dato zahlreich ausgetragenen Konflikte fanden Eingang in die Kunst und Architektur und wurden auf außergewöhnliche Art memoriert. Architektur gegen das Vergessen In den Jahren zwischen 1960 und 1980 gab der jugoslawische Staatschef Josip Broz Tito mehrere Monumente bei Architekten in Auftrag, um den Opfern des Faschismus Tribut zu zollen. Diese sind über das gesamte Territorium Ex-Jugoslawiens verstreut und wurden an abgelegenen Stellen in freier Natur platziert. Sie muten surreal, futuristisch und mystisch an und erscheinen wie Schauplätze hybrider Phantasiewelten, in denen Raum und Zeit implodieren. Die Erbauer entschieden sich für eine symbolische Sprache, die frei von nationalen, religiösen oder politischen Färbungen und für eine möglichst viele Menschen verständlich sein sollte.

Narkotika und Jubilus

Erwachsene Menschen stehen dicht an dicht. Sie tragen „Kutten“ – abgetragene Jeanswesten mit Aufnähern ihres Vereins. Berauscht vom Gemeinschaftsgefühl und narkotisierenden Alkoholika verfallen sie in einen kollektiven Singsang,  die Schals um den Hals, jederzeit bereit, ein Schalspann-Ritual durchzuführen. SCHALALALALAAAAAAAA! Bier, Menschen, Reliquien, Umarmungen, Erbrochenes, Verbrüderung, lachende Gesichter, weinende Männer, Pöbeln, Grölen, große Euphorie – all das ist Fußball. Doch diese assoziative Charakterisierung wird der Sportart nicht gerecht. Fußball ist Kulturgut und Medizin gegen die Unerträglichkeiten des menschlichen Daseins; Heldenreise und Karthasis; eine universelle Sprache und Instrument der Integration und gleichzeitig der Grund für diverse Platzwunden, Alkoholvergiftungen und gebrochene Rippen. Die meisten Kämpfe werden jedoch stellvertretend von der Mannschaft auf dem Spielfeld ausgetragen und die Zahl der Verletzten ist, im Verhältnis zur Größe der Veranstaltung, relativ gering. Mit Emotionen wird beim Fußball nicht gegeizt, Herzblut wird im großen Stil investiert: Aufopferung, Treue und Kasteiung für den Verein sind eine Selbstverständlichkeit – in guten wie in schlechten Zeiten.

Du bist das Spiegelbild deines Gegenübers

Morgens aufgewacht und irgendwie hat man das Gefühl, dass der kommende Tag einfach nichts wird. Die Sonne scheint nicht prachtvoll genug, die Vögel nerven total mit ihrem Rumgesinge. Eigentlich hatte man sich nichts anderes vorgenommen, als den Tag mit einem guten Buch im Park zu verbringen, da stellt man fest, dass das Buch einfach nur kacke ist –anscheinend kann nichts die Mundwinkel dazu bringen, sich nach oben zu heben. Die maulige Verkäuferin in der Bäckerei verbessert die Stimmung nicht wirklich, der Typ der gerade vorbeilief gab einem das Gefühl, dass man diese Hose besser nicht hätte anziehen sollen und durch den Prof in der Uni lernt man sehr geduldig zu sein… Der Kaffee zu heiss, der Kuchen zu teuer und irgendwie ist die Schnalle von Kellnerin zu den anderen Gästen viel netter als zu einem selbst. Ha! Dann bekommt sie eben auch nur kurze, blaffende Antworten. Trinkgeld? Vergiss es! Dafür bekommt man dann auch kein Tschüss. Den Laden betritt man ganz bestimmt nie wieder!   At worst I feel bad for a whole But then …

Wo die Neurosen blühen – im Garten der Gene

Desoxyribonukleinsäure – die Zauberformel unserer menschlichen Existenz. Das Rezept nach dem Menschen gemacht werden, sobald sich die beiden wichtigsten Grundzutaten vermischt haben. Ein bisschen Intelligenz, ein bisschen Haut- und Haarfarbe, ein bisschen Suchtneigung, Erbkrankheit und eine Prise Sommersprossen vielleicht. Nach Belieben zur Garnitur noch ein paar „Worrier“ oder „Warrior“- Gene für die besondere Note. Diese Gene entscheiden darüber, ob das Ergebnis robust und pragmatisch wird oder eher depressiv und lethargisch angehaucht ist. Fertig! Einmal Mensch. Manche sehen darin die göttliche Schöpfung, andere nennen es DNS bzw. DNA – Biomoleküle, aus denen jedes Lebewesen und bestimmte Virenarten bestehen, Träger der unabänderlichen Erbinformationen. Schicksalhaft eingebrannt und dennoch von Zeit zu Zeit mit unvorhergesehenen Überraschungen gespickt. Unsere DNA besteht aus den Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin. Vier Buchstaben – A T G C – in verschiedenen Varianten und Variationen entscheiden darüber, zu welchem Zeitpunkt wir Menschen wachsen, in die Pubertät kommen, krank werden, Locken oder andersfarbige Augen bekommen. Unsere DNA ist eine wunderbar verzweigte, hochkomplexe Bau- und Psychoanleitung. Noch ist sie ein faszinierendes und persönliches Geheimnis. In …

Wo sind eigentlich die Subkulturen geblieben?

In den vergangenen Jahrzehnten, der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, haben sich Jugendliche als Mitglieder einer Subkultur von der Massenkultur abgegrenzt, sich somit individualisiert und eine eigene Identität gebildet.
Wie sieht das heute aus? Kann sich eine Gruppe in der Gesellschaft durch Verhalten und Konsum wirklich noch von der Masse abgrenzen? Ist inzwischen nicht alles schon einmal da gewesen, von der Massenkultur vereinnahmt im Sinne von Simon Reynolds „Retromania“ nur noch die bloße Wiederholung des bereits Dagewesenen? Wenn die Abgrenzung von der Gesellschaft, von der Masse, nicht mehr möglich ist, wo bleibt dann die Individualisierung, wo bleibt dann noch die Möglichkeit eine eigene Identität herauszubilden? Massenkultur, Subkultur – was ist das eigentlich? Bevor man die Frage stellt, ob heute noch Subkulturen existieren, sollte man sich zunächst einmal über ein paar Begrifflichkeiten klar werden. Subkulturen grenzen sich von der Massenkultur ab – klar – aber was ist eigentlich eine Massenkultur? Massenkultur beschreibt ein Phänomen der Moderne, in der durch Industrialisierung und Technologisierung eine internationale Kultur von Freizeit-, Konsum- und Medienwelten entstand. Dabei handelt es sich nicht um …

Die neuen Langzeitstudenten

Die Regelstudienzeit für geisteswissenschaftliche Bachelorstudiengänge liegt bei sechs Semestern. Doch drei Jahre reichen nicht, um wertvolle Berufspraxis zu sammeln. Immer mehr Studierende müssen die Regelstudienzeit überschreiten, um den Einstieg in die Arbeitswelt zu schaffen.   Der typische Langzeitstudent wählt grün, engagiert sich im AStA und fährt oft Fahrrad. Die Abende verbringt er in verrauchten Bars oder WG-Küchen, bei philosophischen Diskussionen mit seinen Freunden. Das Seminar morgens um elf lässt er sausen. Viel zu früh! Er hat sich eh kürzlich überlegt, das Fach zu wechseln – nochmal. Dieses Klischeebild eines Langzeitstudenten stammt aus der Zeit vor der Bologna-Reform. Die Studenten von heute studieren auf Bachelor statt Magister. Das Studium ist verschulter, die Flexibilität von damals fehlt. Anstelle von Scheinen sammelt man jetzt ECTS-Punkte. 180 sind es in der Regel bis zum Bachelorabschluss, 30 pro Semester. Laut einer Pressemitteilung des statistischen Bundesamtes schafften es im Prüfungsjahr 2012 jedoch nur knapp 40 Prozent der Studierenden, ihr Studium innerhalb der Regelstudienzeit abzuschließen. Die Gründe sind vielfältig: zeitintensive Nebenjobs, chronische Krankheiten oder Behinderungen, familiäre Verpflichtungen. Doch ein Teil der Studierenden …

What’s your fantasy?

Es ist nicht das, wonach es aussieht!   Goldenes Licht, flauschiger Teppichboden, mintfarbene Wände und eine opulent gerahmte Landschaftsmalerei. Die Szenerie verführt geradezu unschuldig dem pittoresken Anschein eines amerikanischen Vorstadtwohnzimmerkitschs zu verfallen. Wären da nicht einige wundersame Objekte zu verzeichnen – etwa das Filmequipment oder eine nackte Blondine, die ihre Beine vor einer auf dem Teppich sitzenden Brünetten spreizt. Die Arbeiten des Fotografen Larry Sultan aus der Reihe „The Valley“ entstanden in den Jahren von 1998-2004 während der Dreharbeiten von Pornofilmen.

Die Digitalisierung der Musikproduktion

Wie entsteht Musik?  Man sitzt heute nicht mehr – wie man es sich so romantisch vorstellt – alleine bei Kerzenlicht, mit einer Flasche Wein und der Gitarre im Wohnzimmer und schreibt neue Lieder. Man verbringt auch nicht mehr Stunden in einem muffigen Kellerloch, um sich zusammen mit seiner Band bei jeder Probe zu betrinken, wodurch die Songs dann erst so richtig „authentisch“ werden. Nein, heute sitzt man – ob Elektro, Rock oder Metal – alleine vorm PC und macht da seine Musik. Komponieren, aufnehmen, abmischen, das ist alles problemlos am privaten Computer und im kleinen günstigen Heimstudio möglich. Ein gebrauchtes Audiointerface plus gebrauchte Monitorboxen plus Mikro plus Aufnahmeprogramm ist für unter 1000€ zu haben und nur ein wirklicher Experte mit einer wirklichen High-End-Anlage kann am Ende noch einen Unterschied zur Produktion aus einem professionellen Studio erkennen – vorausgesetzt man weiß was man da macht.