360°, Rezensionen

Bob Dylan – von Blues und schwäbischem Regenschutz

An einer Bushaltestelle in Tübingen schnappt eine Frau auf, dass über Bob Dylan geredet wird. Sie fängt an zu wettern:

„Das Konzert muss ja peinlich gewesen sein. Der war vielleicht früher gut, aber jetzt?! Kommt da auf die Bühne, ohne `Hallo´ und `Auf Wiedersehen´ zu sagen. Sowas braucht wirklich keiner! Spielt genau 2 Stunden!! Eine Frechheit ist das! Und dann soll es ja auch noch so geregnet haben…“.

Nach dem besagten Bob Dylan Open-Air-Konzert gingen zahlreiche Beschwerden beim örtlichen Konzertveranstalter Koko & DTK Entertainment ein. Man empörte sich – der Regen sei nass und kalt gewesen, man habe nichts gesehen, da die Bühne in einer Senkung lag, Regenschirme die Sicht versperrten und es (auf Wunsch des Künstlers) keine Leinwandübertragung gegeben hatte. Die Unzufriedenheit über das Bob Dylan-Konzert schien sich mit einer ähnlich stoischen Solidarität wie die Stuttgart 21-Wut zu verbreiten. Man hatte scheinbar Anderes erwartet. Oder vielleicht zumindest gehofft, dass Wetterflugzeuge mit Silberjodit auf Wolken schießen und für einen trockenen Himmel sorgen würden, so wie das in China bei wichtigen Anlässen gemacht wird.

Zunächst drängt sich die Frage auf: What the f**ck?! F*cking Bob Dylan spielt in Tübingen? Ja! Warum? Weiß keiner! Und nein, es war keine Coverband mit Identitätsfindungsproblematik, sondern der Echte. Oder zumindest eine verdammt gute Imitation. So gut, dass es schon wieder Kunst wäre, wenn unecht.

Von Planen-Ungeheuern und einem Großmeister

Bei einem Konzert in Mainz, das einige Tage vor dem Auftritt in Tübingen stattfand, hatte Dylan „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ gesungen. Eine Prognose, die sich in Tübingen bestätigen sollte.

Der Abend des Bob Dylan-Konzerts: Der Einlass beginnt um 19:30 Uhr. Die Schlange vor dem Eingang ist bereits auf Justin Bieber-Konzert-Länge gewachsen. Große Regentropfen treffen mit hoher Frequenz auf Mensch und Wiese. Die Konzertbühne befindet sich in einer Senkung, die guten Plätze sind nach kurzer Zeit belegt. Der Regen entwickelt sich zu taifunartigem Regen und prasselt von nun an die nächsten zwei Stunden nieder. Menschen holen ihre Regenschirme raus. Obwohl der schwäbische Durchschnittsbesucher in der Regel über eine Jack Wolfskin-Regenjacke und einen Regenschirm verfügt, entscheiden sich die meisten für die sichtunfreundliche Variante. Versuche, die regenschirmhaltenden Menschen mit kleinen Papierkügelchen zu bewerfen und so auf ihr konzertunfreundliches Verhalten hinzuweisen, erzielen nicht den gewünschten Effekt.

Bob Dylan sagt nicht „Hallo“. Das ist ok. Zumindest für mich. Ich an seiner Stelle hätte mit 74 Jahren und 50 Jahren Bühnenerfahrung auch keine Lust, jedem Publikum das zu erzählen, was es hören will: dass es das beste Publikum der Welt ist. Dylan beginnt Musik zu machen und die Musik ist genial. Gänsehaut! Ich fühle mich von der Mundharmonika verstanden. Neben mir wird verhalten getanzt, kurz danach der Hinweis von der dahinter stehenden Person: „Entschuldigung, kannst du das bitte lassen? Du berührst mich immer ein bisschen und das stört.“

Dylan performt „Shelter from the Storm“, doch dieser musikalische Zufluchtsort ist nicht genug – neben mir wird eine riesige Plastikplane aufgespannt, unter der sich 6 Menschen versammeln und damit auf einer Kuppe der Wiese zu einem riesigen Planen-Ungetüm werden. Das stört die Menschen dahinter jetzt nicht mehr so sehr, denn sie gehen nach Hause. Zu nass, zu kalt, zu wenig für die Augen. Ich freue mich, dass ich Ohren habe und genieße die Musik. Ganze zwei wunderbare Stunden lang. Als Souvenir zehre ich noch eine Weile von der Erkältung, die ich mir dort im strömenden Regen eingefangen habe – und von der akustischen Erinnerung.

Mit Schlager ist alles besser

Nur eine Woche nach dem Dylan-Konzert pilgern Menschenmassen in Neonkleidung und mit Plastikblumen behangen zum selben Veranstaltungsort. Schlager-Pop-Titan Dieter Thomas Kuhn aka „die singende Föhnwelle“ tritt auf. Scheinbar waren diverse Dieter Thomas Kuhn-Fans oder zumindest einige Würstchen- und Getränkestandbetreiber vom Konzertgelände auch bei dem Bob Dylan-Konzert. Da sei mehr oder weniger alles scheiße gewesen, so der Tonus – aber jetzt sei alles gut und besser, wie dieses Video zeigt.

Ausgehend von den Infos, die man an Bushaltestellen und in der Lokalpresse aufschnappt, entsteht der Eindruck, dass das Tübinger Publikum mit Robert Zimmermanns alias Bob Dylans Aufritt eher nicht zufrieden war (meine Freunde und mich ausgenommen). Liegt es vielleicht daran, dass man sich gewünscht hatte zu hören, das beste Publikum der Welt zu sein? Das Bedürfnis nach Einzigartigkeit zieht sich schließlich konsequent durch die menschliche Existenz. Oder ist es die schwäbische Mentalität des Ordnungs- und Wutbürgertums, die zu Unzufriedenheit geführt hat? Dylan selbst ist möglicherweise gar nicht so weit entfernt von dieser Mentalität. Geübt hatte er das Wutbürgertum zumindest schon mal 1969, als das WoodstockFestival in seinem gleichnamigen Wohnort stattfinden sollte. Dylan und andere Anwohner sprachen sich gegen das Festival vor ihrer Haustür aus – mit Erfolg. In seiner Autobiografie schreibt Dylan dazu: „Peter Lafarge, ein Folksänger und Freund, hatte mir ein paar Colts gegeben, und ich hatte auch ein Winchester-Gewehr im Haus…“. Damit wollte er sein Grundstück gegen Festivalbesucher verteidigen. Schließlich fand das Woodstock-Festival dann im 80 km entfernten Örtchen Bethel und nicht in Woodstock statt…

Dylans Auftritt in Tübingen war nicht nur ein historisches Ereignis und ein musikalisches Geschenk. Er hat den Menschen damit auch die Chance gegeben, ihren Negativismus zu kanalisieren und so ihre Seele zu reinigen. Katharsis für alle! Und wie ein anderer großer Bob, nämlich Bob Marley, einst so schön sagte: „Manche Menschen können den Regen spüren. Andere werden nur nass.“

2 Kommentare

  1. Anja sagt

    Das mit dem Sehen ist so eine Sache. Ich bin relativ klein und sehe so gut wie gar nie auf die Bühen und bei meinem „Stammkonzertveranstalter“ gibt es sowieso keine Leinwände. Aber wozu auch. Ich möchte die Musik spüren und das geht eigentlich mit geschlossenen Augen am Besten…

  2. Monika sagt

    Ein sehr schöner Artikel, ich bin schon ein bischen ä l t e r und mag diese Musik natürlich auch total gerne. Bob Dylan life zu erleben muss schon großartig sein! Beneide dich ein bischen…..
    LG und viel Erfolg mit dem Blog

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