Autor: Elisa

Lebe lieber unsichtbar

Erinnerungen stehen wie Einmachgläser im Keller des Lebens. Manche von ihnen sind vergoren, einige angelaufen, andere sauer und ein paar sind süß und knackig wie am ersten Tag. Teilweise wurden sie konserviert, eingefangen in Bildern, Videos und Artikeln, um beweisen zu können, dass man in gewissen Augenblicken auf eine bestimmte Art und Weise existiert hat. Der Tarnumhang der 90er Eine Kiste voller Erinnerungen steht auf dem alten Korkfußboden. Darin liegen Alben mit eingeklebten Bildern und Texten. Daneben Fotoumschläge von Ihr Platz, der örtlichen Drogeriekette, deren Klebeverschlüsse beim Öffnen vielversprechend knarzen – wie damals, als man den fertig entwickelten Film aufgeregt abgeholt hat. Im Innern befinden sich haptische Relikte aus der prädigitalen Zeit. Die konservierte Essenz meiner Jugend auf Hochglanzpapier: Tattooketten und abgeschnittene Jeans; Blocksträhnen, Gel-Igel und McDonalds-Frisuren aka Nick Carter´s Frisur als Backstreet Boy; Döner und Rausch auf Wiesen und Feldern; Flips in der Nase und Edding im Gesicht – wer im Bus einschläft, verliert; die Idee von Freundschaft und der Versuch, auf Fotos gut oder wenigstens cool auszusehen – dann die Enttäuschung bei Abholung …

Irgendwas mit Medien – Hörfunk

Auf einer Familienfeier fragen die Gäste zwei Geschwister, was sie studieren. Er sagt: „Medizin“ – „Oho“ „Aaah“. Es wird anerkennend geraunt und gleichzeitig wissend genickt. Sie erzählt, dass sie Medienwissenschaft studiert. „Medienwissenschaft? Was ist das?“ und „Wird man damit Nachrichtensprecher bei der Tagesschau?“, wollen Omas Bekannte wissen. Wenn die gleiche Konversation auf einer Party mit jüngeren Besuchern stattfindet, dann folgt oft ein sarkastisches: „Soso, irgendwas mit Medien.“ oder: „Das ist ja cool!“, weil die Person glaubt, dass man ein total aufregendes Lifestyle-Studium absolviert und zukünftig glamouröse Berufsaussichten auf einen warten, bei denen man viele wichtige Leute trifft. Oder im Zweifelsfall wenigstens den ehrwürdigen Job ausführt, über wichtige Leute zu berichten, andere Menschen zu unterhalten und zu informieren beziehungsweise ihnen vorzuschlagen, an was sie denken und was sie gut finden sollen. Oder aber man wird eben doch ein „echter“ Wissenschaftler und untersucht per Eyetracking die Auswirkungen von Gewaltspielen auf Kindergartenkinder. „Irgendwas mit Medien“ ist zu einer geflügelten Redewendung geworden. Sie bezeichnet ein Konglomerat von Berufsfeldern, das im weitesten Sinne mit dem Begriff „Medien“ in Verbindungen gebracht …

Narkotika und Jubilus

Erwachsene Menschen stehen dicht an dicht. Sie tragen „Kutten“ – abgetragene Jeanswesten mit Aufnähern ihres Vereins. Berauscht vom Gemeinschaftsgefühl und narkotisierenden Alkoholika verfallen sie in einen kollektiven Singsang,  die Schals um den Hals, jederzeit bereit, ein Schalspann-Ritual durchzuführen. SCHALALALALAAAAAAAA! Bier, Menschen, Reliquien, Umarmungen, Erbrochenes, Verbrüderung, lachende Gesichter, weinende Männer, Pöbeln, Grölen, große Euphorie – all das ist Fußball. Doch diese assoziative Charakterisierung wird der Sportart nicht gerecht. Fußball ist Kulturgut und Medizin gegen die Unerträglichkeiten des menschlichen Daseins; Heldenreise und Karthasis; eine universelle Sprache und Instrument der Integration und gleichzeitig der Grund für diverse Platzwunden, Alkoholvergiftungen und gebrochene Rippen. Die meisten Kämpfe werden jedoch stellvertretend von der Mannschaft auf dem Spielfeld ausgetragen und die Zahl der Verletzten ist, im Verhältnis zur Größe der Veranstaltung, relativ gering. Mit Emotionen wird beim Fußball nicht gegeizt, Herzblut wird im großen Stil investiert: Aufopferung, Treue und Kasteiung für den Verein sind eine Selbstverständlichkeit – in guten wie in schlechten Zeiten.

Wo die Neurosen blühen – im Garten der Gene

Desoxyribonukleinsäure – die Zauberformel unserer menschlichen Existenz. Das Rezept nach dem Menschen gemacht werden, sobald sich die beiden wichtigsten Grundzutaten vermischt haben. Ein bisschen Intelligenz, ein bisschen Haut- und Haarfarbe, ein bisschen Suchtneigung, Erbkrankheit und eine Prise Sommersprossen vielleicht. Nach Belieben zur Garnitur noch ein paar „Worrier“ oder „Warrior“- Gene für die besondere Note. Diese Gene entscheiden darüber, ob das Ergebnis robust und pragmatisch wird oder eher depressiv und lethargisch angehaucht ist. Fertig! Einmal Mensch. Manche sehen darin die göttliche Schöpfung, andere nennen es DNS bzw. DNA – Biomoleküle, aus denen jedes Lebewesen und bestimmte Virenarten bestehen, Träger der unabänderlichen Erbinformationen. Schicksalhaft eingebrannt und dennoch von Zeit zu Zeit mit unvorhergesehenen Überraschungen gespickt. Unsere DNA besteht aus den Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin. Vier Buchstaben – A T G C – in verschiedenen Varianten und Variationen entscheiden darüber, zu welchem Zeitpunkt wir Menschen wachsen, in die Pubertät kommen, krank werden, Locken oder andersfarbige Augen bekommen. Unsere DNA ist eine wunderbar verzweigte, hochkomplexe Bau- und Psychoanleitung. Noch ist sie ein faszinierendes und persönliches Geheimnis. In …

Bob Dylan – von Blues und schwäbischem Regenschutz

An einer Bushaltestelle in Tübingen schnappt eine Frau auf, dass über Bob Dylan geredet wird. Sie fängt an zu wettern: „Das Konzert muss ja peinlich gewesen sein. Der war vielleicht früher gut, aber jetzt?! Kommt da auf die Bühne, ohne `Hallo´ und `Auf Wiedersehen´ zu sagen. Sowas braucht wirklich keiner! Spielt genau 2 Stunden!! Eine Frechheit ist das! Und dann soll es ja auch noch so geregnet haben…“. Nach dem besagten Bob Dylan Open-Air-Konzert gingen zahlreiche Beschwerden beim örtlichen Konzertveranstalter Koko & DTK Entertainment ein. Man empörte sich – der Regen sei nass und kalt gewesen, man habe nichts gesehen, da die Bühne in einer Senkung lag, Regenschirme die Sicht versperrten und es (auf Wunsch des Künstlers) keine Leinwandübertragung gegeben hatte. Die Unzufriedenheit über das Bob Dylan-Konzert schien sich mit einer ähnlich stoischen Solidarität wie die Stuttgart 21-Wut zu verbreiten. Man hatte scheinbar Anderes erwartet. Oder vielleicht zumindest gehofft, dass Wetterflugzeuge mit Silberjodit auf Wolken schießen und für einen trockenen Himmel sorgen würden, so wie das in China bei wichtigen Anlässen gemacht wird. Zunächst drängt …